www.parow-info.de       (Stand 05.05.2015)  

Leichtes Torpedoschnellboot Projekt 68.200 „Hydra“ / „Wiesel“

Werft-Nr. 8202 „Berliner Boot“,
NATO-Code: Iltis B

Im März 1958 wurden drei Einrichtungen mit der Entwicklung eines Leichten Torpedoschnellboots (LTS-Boot) für den küstennahen Einsatz beauftragt: das Institut für Schiffbautechnik Wolgast (ISW), die Yachtwerft Berlin und die Schiffswerft Roßlau. Drei Entwürfe entstanden: Projekt 63, 68 und 81. Im Juli 1960 begann die Erprobung der Nullboote der Projekte auf dem Strelasund. Ausgangsbasis war der Hafen Parow. Die technische Erprobung erfolgte durch uniformiertes Personal.
Nach Überarbeitung der Projekte sollten zwei davon Projekte in Serie gehen. Das Projekt 81 von der Schiffswerft Roßlau, ausgeführt als Tragflächenboot Projekt 81.2, wurde hauptsächlich wegen des Vorhandenseins nur eines Antriebsmotors abgelehnt. Die Erprobung wurde am 03.12.1963 abgebrochen. Das Projekt 81.2  fand als Ausstellungsstück im Armeemuseum Potsdam seinen weiteren Platz [Bild]. Nach Auflösung dieses Museums befindet sich das Projekt im Fundus des Militärhistorisches Museum der Bundeswehr in Dresden.

Entwicklung und Bau
Die Entwicklung und Erprobung des LTS-Bootes Projekt 68 erfolgten unter dem Entwicklungsnamen „Hydra“. Der Projektname wurde später in „Wiesel“ geändert.

Entwickelt und gebaut wurden diese LTS-Boote auf der Yachtwerft Berlin. Das Projekt 68 war ein Gleitboot mit einer nach vorn abfallenden Back. Der Bootskörper wurde in Holzbauweise mit Mahagonibeplankung hergestellt, Festigkeitsverbände und Deck bestanden aus mehrfach verleimtem Sperrholz. Im Unterwasserteil jeder Bordseite war eine Hohlgummiplanke eingebaut, die die Quellerscheinungen des Holzes abfangen sollte. Ein Metall-Bugbeschlag schützte den Bootskörper [Bild].
Aufgrund ihres Holzkörpers mussten die Boote regelmäßig (meist im Winter) aus dem Wasser genommen werden. Sie wurden gereinigt und zum Austrocknen in die Halle geschoben. Dies geschah durch Heizstrahler, riesige Blechkästen mit vielen starken Lampen. Ein gewisser Feuchtigkeitsgehalt musste erhalten bleiben, damit die Bootskörper im Wasser nicht undicht wurden.
Die beiden Ruder lagen direkt im Propellerstrahl, was eine hohe Manövrierfähigkeit ermöglichte [Bild]. Über der Ruderanlage befand sich eine Rohrkonstruktion mit einer Plattform. Diese diente zum Schutz der Ruder beim Anlegen und Rückwärtsfahren sowie als Ausstiegshilfe für Kampfschwimmer und Sturmtrupps. Die Fahrerkabinenabdeckung bestand aus Leichtmetall [Bild].

Als Antriebsanlage dienten zwei 12-Zylinder-Dieselmotoren vom Typ M50F [Bild]. Zum Anlassen der Motoren sowie für den Torpedoschuss wurde Druckluft benötigt. Die Druckluftflaschen konnten nur an Land oder auf dem Schwimmenden Stützpunkt (SSP) aufgefüllt werden. Ein Hilfsdieselgenerator erzeugte eine Bordspannung von 220V/50Hz sowie 24V Gleichspannung für bestimmte Geräte.

Versuchsboote
Es wurden zwei Versuchsboote gebaut. Das erste Boot (Projekt-Nr. 68.0, Werft-Nr. 587) wurde 1959 erbaut (in der Literatur auch als 68.1 bezeichnet). Es besaß nur einen Dieselmotor, war 13,00 m lang und hatte eine Breite von 3,60 m. Bewaffnet war es mit einer Doppellafette 12,7 mm MG DScha-K [Bild]. Wegen der Form der Fahrerkabine wurde das Boot auch „Büffel“ (?) genannt. [siehe auch hier]
Bei der Erprobung ab Juli 1960 von Parow aus erreichte das Boot nicht die geforderte Geschwindigkeit von 50 kn.

Daraufhin entstand 1961 ein längeres Boot, 68.1 (in der Literatur auch als 68.2 bezeichnet). Dieses Boot hatte zwei Dieselmotoren, drei Torpedorohre, und es bestand die Möglichkeit der Umrüstung. Die geforderte Geschwindigkeit wurde auch diesmal nicht erreicht. Ein weiteres Problem war der Minenabwurf. Durch das vorbeiströmende Wasser wurden die Minen beim Abwurf an den Bootskörper angesaugt und beschädigten diesen. Durch Verwendung von Abrollschienen konnte man dieses Problem lösen.
Bei einer weiteren Erprobung des weiter verbesserten Bootes (in der Literatur auch als 68.2A bezeichnet) 1962 / 1963 erfüllte das Boot zwar immer noch nicht alle Anforderungen, wurde aber von der Abnahmekommission der Volksmarine bedingt als Ausbildungsboot einsetzbar eingestuft.

Das Projekt 68.1 wurde noch als Kommandanten-/ Schnellverkehrsboot, zuerst in Rostock-Gehlsdorf  und später im Hafenkommando Bug/Dranske, von ca. 1964 bis 1968 verwendet. Beide Versuchsboote wurden nach der Nutzung abgebrochen.

Serienboote
1962 wurde durch die Volksmarine der Serienbau von 30 Booten des Projektes 86.200, trotz der obigen Einschätzung, in Auftrag gegeben.
Es traten bei den Booten erhebliche Probleme bezüglich der Festigkeit auf. Dazu kamen noch Fertigungsmängel, sodass die Volksmarine den Serienbau stoppte. Durch enge Zusammenarbeit der Yachtwerft Berlin mit dem Institut für Schiffbautechnik Wolgast konnten dann die Mängel bei der 2. Bauausführung (BA) ausreichend beseitigt werden. Die Boote der 1. BA wurden nachgebessert. Äußerlich war die bauliche Änderung an der geschwungenen verstärkten Scheuerleiste zu erkennen [Bild].
Es wurden nun aber nur noch 26 Boote in zwei Bauausführungen gebaut. Davon kamen 24 Boote bei der Volksmarine in Dienst. Die Boote wurden nicht in der Reihenfolge der Projekt-Nr. in Dienst gestellt. Die Indienststellung richtete sich nach der Dauer der erforderlichen Erprobung und den technischen Um- bzw. Nachrüstungen.

Zur 1. Bauausführung zählten die Boote mit den Projekt-Nr. 68.201 bis 68.215.
Die ersten vier Boote (Projekt-Nr. 68.201 bis 68.204) durchliefen umfangreiche Erprobungen durch die Werft. Drei dieser Boote wurden von der Volksmarine übernommen. Das vierte Boot (Projekt-Nr. 68.204) wurde wegen Baumängeln nicht in Dienst gestellt, es diente nur als Erprobungsboot der Werft und wurde danach abgebrochen. Am Boot 68.205 wurden umfangreiche Festigkeitsprüfungen vorgenommen, so dass es erst 1968 in Dienst ging.
Die Boote der 1. BA wurden zwischen 1964 und 1968 in Dienst gestellt. Wegen der Baumängel (Wasserdurchlässigkeit, Risse an Deck u.ä.) verzögerte sich die Indienststellung oft um Jahre. Teilweise waren die Boote dann auch nur kurzeitig im Dienst. Extrem war das beim Boot mit Projekt-Nr. 68.211, es war nur ca. nur ein Jahr in Dienst.
Bei den Booten 68.206 bis 68.209 wurde nach Ablauf der Garantiezeit auf Grund der vorhandenen Mängel die vorgesehene Wiederinstandsetzung nicht mehr durchgeführt. Ein Boot wurde bereits im Januar 1967 und die anderen drei im April 1968 außer Dienst gestellt.

Die 2. Bauausführung bestand aus 11 Booten, Projekt-Nr. 68.216 bis 68.226. Es gab bauliche Veränderungen gegenüber der 1. BA, so z.B. änderte sich die Sitzposition des Leitenden Maschinisten.
Die Boote wurden 1967 und 1968 in Dienst gestellt. Das Boot mit Projekt-Nr. 68.217 wurde wegen Baumängeln nicht übernommen und abgebrochen. 1968 hatte das Boot 68.225 eine Kollision mit einem RS-Boot vom Projekt 205 und wurde danach ebenfalls abgebrochen.

Einsatzaufgaben
Als Fahrbereich war die Ostsee vorgesehen, speziell der Einsatz im Küstenvorfeld. Die Hauptaufgabe war das Führen von überraschenden Torpedoschlägen auf Überwasserziele. Durch kurzfristiges Umrüsten konnten die Boote Fernzündungsminen legen bzw. den Transport von Spezialkommandos und Kampfschwimmern durchführen. Die Aufklärung und der Kurierdienst waren Nebenaufgabe.
An das Ziel herangeführt wurden die LTS-Boote meist durch TS-Boote. Dies konnte aber auch von Land aus durch die Leitstationen Typ „MIS“ bzw. aus der Luft durch Hubschrauber geschehen.

An Manövern und Übungen sowie an Flottenparaden waren Boote des Projekts 68.200 ebenfalls beteiligt

  
Zur Vergrößerung der Fotos bitte auf das Bild klicken.

Einsatzvarianten
Das Projekt 68.200 hatte in der Grundvariante drei Torpedorohre 533,4 mm. Folgende Umrüstvarianten waren möglich:

Im Armeemuseum Dresden wurden an Hand eines Boots dieses Projektes die einzelnen Varianten dargestellt. Die Anordnung entsprach aber nicht den tatsächlich gefahrenen.

Der Torpedoschuss wurde durch den Kommandanten per Fußpedal ausgelöst. Gezielt wurde mit dem gesamten Boot. Der Torpedoausstoß erfolgte nach achtern mit dem Gefechtskopf nach vorn. Danach tauchte der Torpedo unter dem Boot nach vorn durch. Das Boot drehte nach dem Schuss ab. Der Torpedo setzte die ursprüngliche Fahrtrichtung des Bootes fort. Der Torpedo wurde nach einer Laufstrecke von 200 m scharf.
Das Absetzen der Kampfschwimmer erfolgte bei ca. 30 kn! Die Wiederaufnahme nach Einsätzen konnte auch durch die LTS-Boote erfolgen. Dies wurde wenig geübt, da der Einsatzort der Kampfschwimmer meist ein ganz anderer war als der Absetzort. Die Wiederaufnahme erfolgte aber überwiegend im Dunkeln.

Struktur des LTS-Verbandes
Siehe bei Projekt 63.300 [Hier]. Abweichungen und Ergänzungen zu diesen Ausführungen sind folgende:
Bei der Aufstellung der Leichten Torpedoschnellboots-Brigade (LTSB-Brigade / LTS-Brigade) wurden die Boote des Projekts 68.200 zuerst der 8. LTS-Abteilung zugeordnet. Erstmals 1966 konnte eine Abteilung komplett mit dem Projekt ausgerüstet werden. Ab 1968 gab es keine Zuordnung reiner Bootstypen zu den Abteilungen mehr. Allerdings gab es von 1968 bis 1970 und teilweise auch 1971 eine Abteilung, die vollständig aus Booten des Projekts 68.200 bestand.
Die Boote selbst wechselten fast jährlich zwischen den Abteilungen.
Im Ausbildungspark, existent von Dezember 1965 bis Ende 1967, waren für die Boote des Projekts 68.200 vierstellige Bord-Nr. von 9021 bis 9025 vorgesehen.

Werfterprobung / WTZ
Während der Werfterprobung, vor der Indienststellung bei der Volksmarine, trugen die ersten drei Boote eine Bord-Nr. mit dem Kennbuchstaben „W“.
Boote des Wissenschaftlichen Technischen Zentrums (WTZ) trugen Bord-Nr. mit dem Kennbuchstaben „V“, dies waren die Boote mit der Projekt-Nr. 68.201, 68.206 und 68.207.

Ein Boot wurde als funkferngesteuerter „LTS-Schlepper“ (Bord-Nr. V-12) erprobt. Diese Antriebs- und Steuerungsanlage wurde gemeinsam durch das WTZ und die Peenewerft Wolgast entwickelt.

Vor der Indienststellung der Serienboote erfolgte in der Regel eine ausführliche Erprobungsphase der einzelnen Boote.

           

Standorte der LTS-Boote / LTSB-Brigade / 7. LTSB-Brigade
Siehe bei Projekt 63.300 [Hier]

Verbleib
1967 wurden die ersten Boote außer Dienst gestellt, die letzten 1975.
Bis auf wenige Ausnahmen wurden alle Boote nach der Außerdienststellung abgebrochen. 1992 lagen noch abgebrochene Bootskörper beim alten Posthafen / Südbug. Diese wurden bei der Beräumung der Halbinsel mit entsorgt.
Folgende Boote sind nach der Außerdienststellung weiter verwendet worden:

Taktisch-technische Daten für Projekt 68.200

Verdrängung: 1. BA 19,2 t; 2. BA 20,9 t
Länge: 17,10 m
Breite:   3,59 m
Tiefgang: min: 0,90 m, norm.: 1,20 m,  max.: 1,45 m,
Geschwindigkeit: ökon.: 36 kn,  max.: 51 kn, Angriff: 40 bis 50 kn
Reichweite: 200 sm
Seetüchtigkeit: bis See 4, darüber nur noch mit geringer Geschwindigkeit
Torpedoeinsatz: bis See 3
Antrieb: 2x 12-Zylinder-Dieselmotor Typ M50F, je 882 kW 
Bordspannung: 220V/50Hz
Radar: Anlage KSA-V [Bild]
Funkanlage: KW US9DM, UKW R800 
Ausrüstung: Magnetkompass, Flugzeuguhr, Funkpeiler
Bewaffnung: 3 Torpedorohre 533,4 mm
  siehe Einsatzvarianten
  Handfeuerwaffen
Besatzung: 3 Mann (1 Offizier, 2 Maate)

Danke für Informationen an Volker Schütz sowie für die von H.-J. Hiller freundlicherweise zu Verfügung gestellten Fotos.

© 2013 - 2015 Peter Kieschnick

 

Eine Chronologie der Bordnummern des Projekts 68.200 ist durch Helbe und Horma erarbeitet worden.
Interessenten zu einzelnen Booten oder anderen Details melden sich bitte über E-Mail: webmaster@parow-info.de
Weitere Chronologien sind hier.