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Minensuch- und Räumschiff Projekt 89.2

NATO-Code: Kondor II-Klasse

MSR Kamenz

Dieses Projekt ist eine Weiterentwicklung des Projekts 89.1.
Ab 1968 begann die Projektierung. Diese Minensuch- und Räumschiffe (MSR) waren um ca. 4,6 Meter länger als die Vorgänger und wurden deshalb auch MSR lang genannt. Die Bewaffnung wurde erweitert und die Minensuchausrüstung verbessert. Der Hauptgefechtsstand auf der Brücke wurde vergrößert und ein zentraler Leitstand zur Steuerung und Überwachung der Fernräumgeräte installiert.

Die Schiffe hatten einen geschweißten Stahlrumpf mit Schlingerkielen. Es ist in neun wasserdichte Abteilungen durch 8 wasserdichte Querschotte aufgeteilt [weitere Informationen]. Der Glattdecker besaß ein Deckshaus mit offener und geschlossener Brücke.

Gebaut wurden insgesamt 30 Schiffe von 1969 bis 1973 auf der Peenewerft Wolgast. (Stückpreis ca. 8,7 Millionen DDR-Mark). Baubeginn war der 31.10.1969, der erste Stapellauf war am 13.04.1970 und der letzte am 05.07.1973.
Das erste Schiff, Projekt-Nr. 89.222, wurde vor der Übergabe an die Volksmarine durch die Werft und das Wissenschaftlich-Technische Zentrum der Volksmarine (WTZ) langzeiterprobt. Dabei hatte das Schiff die Bord-Nr. W 32.

Aufgaben
Bezeichnet wurden die Schiffe als Minensuch- und Räumschiffe 89.200, abgekürzt als Projekt MSR 89.2. Ab 01.12.1981 erfolgte eine Umklassifizierung in Hochsee-Minensuch- und Räumschiff, kurz HMSR. Zum 01.12.1986 folgte dann die Bezeichnung Hochsee-Minenabwehrschiff 89.2, kurz HMAWS 89.2, auch MAW-Schiff genannt.

Die Hauptaufgabe der Schiffe waren das Minensuchen und Minenräumen. Es war geeignet zum Minenlegen und auch zum Werfen von Wasserbomben zur U-Boot-Abwehr. Begleit- und Aufklärungsaufgaben konnten ebenfalls erfüllt werden. Die MSR-Schiffe Projekt 89.2 trugen die Hauptlast des ständigen Vorpostendienstes im Rahmen der Verbündeten Ostseeflotten (VOF).

Als Fahrtgebiet waren die Ostsee, die Nordsee bis 61 Grad nördliche Breite und der Englische Kanal vorgesehen.

Modernisierung
Besonders die Minenräumausrüstung wurde durch Eigenentwicklung modernisiert. Die Ausrüstung verlief nicht homogen. [weitere Angaben siehe unten bei Minenräumausrüstung] Am 06.06.1978 wurde die erste Umrüstvariante eines MSR lang dem Chef der Volksmarine durch das WTZ vorgestellt.
Ab 1980 wurden die ersten Schiffe zum Umrüster (UR) Projekt 89.2 UR umgebaut. Die 1980 vollzogene Bordnummernänderung hängt mit diesem Sachstand zusammen. Die UR-Projekte sollten in einer Abteilung ausgebildet und eingesetzt werden.
Äußeres Kennzeichen für den UR war der Leitstand des Gefechtsabschnitts III (GA-III) auf dem Achterdeck. Dort waren der Windenbedienstand sowie die Steuerungstechnik für die Einspeisung der Fernräumgeräte und die Zugkraftmesser für die Trossenzüge untergebracht. [Bild]

Die Heckführungsrolle bekam durch neue Räumgeräte eine andere Funktionalität und damit ein anderes Aussehen [Bild].

Eine weitere Modernisierung erfolgte ab 1985 zum Projekt 89.2UR2. Die Umrüstung auf UR2 war bis 1990 noch nicht bei allen Schiffen abgeschlossen.
Das äußere Kennzeichen war der Vierfachraketenstarter FASTA 4M2 (NATO-Bezeichnung: SAM 2 SA-N-5) vor der Brücke über dem Funkraum [Zeichnung], [weitere Informationen]. Im Juli 1985 bekam die „Wittstock“ als erstes Schiff diesen Raketenstarter.

Zur Erprobung der neuen Räumgeräte wurden nicht nur die drei MSR-Schiffe der 8.Erprobungsschiffabteilung des WTZ herangezogen, sondern auch Schiffe aus dem aktiven Bestand. Z.B. erprobten die Schiffe „Dessau“, „Bitterfeld“ und „Gransee“ im August 1985 die Räumgeräte FRG-PEMT-4, FRG-TEM-PE-2 und FRG-1SS/E/AT2. Diese Räumgeräte konnten nicht mehr zur Serienfertigung gebracht werden.

Minenräumausrüstung
Vorhanden waren akustische, elektromagnetische und mechanische Räumgeräte. Akustische und elektromagnetische Räumgeräte konnten kombiniert eingesetzt werden. Folgende Räumgeräte wurden verwendet:

Typ Bezeichnung /Bemerkung bei Projekt
SDG / RL Scherdrachengerät R in Leichtbauausführung 89.2
MSG-1 S/Sp Minensuchgerät 1 in Spreng- oder Schneidgreifervariante, ab 1974 89.2 bis 89.2 UR2
MSG-2 S/Sp Minensuchgerät 2 in Spreng- oder Schneidgreifervariante 89.2 UR
MSG-3 S/Sp Minensuchgerät 3 in Spreng- oder Schneidgreifervariante, Tiefwasserkontakträumgerät, ab 1986 (ca. 14 Geräte gefertigt) 89.2 UR2
MSG-4 S/Sp Minensuchgerät 4 in Spreng- oder Schneidgreifervariante, Flachwasserkontakträumgerät, (ca. 16 Geräte gefertigt) 89.2 UR2
AT-2 akustisches Fernräumgerät 2 [Bild] 89.2
AT-2/M akustisches Fernräumgerät 2 modernisiert ab 89.2 UR
AT-6 akustisches Fernräumgerät 6 89.2 UR2
KFRG/RL Kabelfernräumgerät 89.2
HFG 13m Hohlstabfernräumgerät [Bild] 89.2
HFG 24m Hohlstabfernräumgerät 89.2
HFG 13/24S Hohlstabfernräumgerät 89.2 UR
HFG 13/24M Hohlstabfernräumgerät 89.2 UR2
FRG-1-E Fernräumgerät 89.2 UR
FRG-1-Ss Fernräumgerät 89.2 UR
FRG-1-Ss/E Fernräumgerät (ca. 25 Geräte gefertigt) 89.2 UR2
FRG-2-MA Fernräumgerät mit zwei parallelen Hohlstäben 14 m und AT-2 89.2 UR2
FRG-3E Fernräumgerät ab 89.2 UR
GTK-3W Tiefwasserkontakträumgerät, 89.2 UR2 mit Hubschrauber Mi-14BT ab 89.2 UR

Beispiele von Kombinationsmöglichkeiten der Räumgeräte:

MSG-2 S/Sp mit MSG-2 S/Sp 89.2 UR
HFG-13/24S mit AT-2/M 89.2 UR
FRG-1-Ss/E mit AT-2/M 89.2 UR
FRG-1-Ss mit AT-2/M 89.2 UR
HFG-13/24M mit AT-2/M oder AT-6 89.2 UR2
FRG-1-Ss/E mit AT-2/M oder AT-6 89.2 UR2

Vom 11. bis zum 14.08.1987 wurde erstmalig vom MSR-Schiff „Schönebeck“ mit einem Hubschrauber Typ Mi-14BT des MHG-18 [weitere Informationen] das Zusammenwirken bei der Übergabe/Übernahme des Räumgerätes GTK-3W trainiert. Dazu befand sich zusätzlich ein Leitoffizier an Bord der Schiffes, der der Hubschrauberbesatzung Informationen und Anweisungen zum Räumen der Minen über Funk erteilte.

Der Einsatz der Räumausrüstung wurde durch verschiedene Geräte sichergestellt.
Beim Projekt 89.2 UR 2 waren es folgende:
eine Winde „3 KW 30“ unter Oberdeck, eine Winde „2 KW 30“ unter Oberdeck, eine Winde „1 KW 25“ auf Oberdeck, zwei Winden „1 LEW 3“ auf Oberdeck, eine Winde „1 SPW“ auf Oberdeck, zwei hydraulische Hebezeuge, eine Heckführungsrolle sowie Halterungen für Räumgeräteteile.

Elektronik
Navigation: Kreiselkompaßanlage „Gazelle“, Echolotanlage „HAG 112 W 3“, Fahrtmeßanlage „Fm2“, Infrarotlichterführungsanlage „Chmel“
Funk: KW-Sender-Empfangsstation „R-617“  [Bild], Allwellenempfänger „Wolna-K“ [Bild], 2x UKW-Station „R-619-2“, Sichtfunkpeilanlage;
bei Projekt 89.2 UR zusätzlich zwei Fußpunktabstimmungsgeräte „FAS 1“
Radar: 3cm-Navigationsradargerät „TSR 333“
FFK-Anlage: Freund-Feind-Kennanlage „Nichrom" (russisch „Нихром“)
Sonar: Russische hydroakustische Anlage (Sonar) MG-69 (МГ-69 „Лань“), zur aktiven Suche nach Seeminen. Die Erkennung von Ankertauminen war auf eine Entfernung von 1000 - 1100 m möglich. Der Suchbereich reichte von 30 Grad backbord bis 30 Grad steuerbord voraus, deshalb konnten damit keine U-Boote ständig begleitet werden. Das Suchen nach U-Booten war nur eine Notvariante!
Beim Projekt 89.2 UR2 wurde zusätzlich eine hydroakustische Grundabstandsmeßanlage Typ „OA 52“ eingebaut. Das war eine automatisch arbeitende, mikrorechnergesteuerte Echolotanlage für den Tiefenbereich 2 bis 100 Meter. Sie war für die Nutzung des Minensuchgeräts MSG-3 erforderlich.

Einsatz
Das erste Schiff, die „Wolgast“, wurde von Anfang an als Erprobungsschiff beim WTZ Wolgast verwendet. 1976 kamen noch die Schiffe „Genthin“ und „Roßlau“ dazu, beide kamen von der 1.Flottille. Es wurden hauptsächlich neue Räumgeräte erprobt.

Die nächsten drei Schiffe wurden 1971 mit ihrer Indienststellung in die Schulbrigade eingegliedert. Das waren die Schiffe „Kamenz“ [Bild], „Stralsund“ [Bild] und „Wittstock“ [Bild]. Sie gehörten der 2.Schulschiffsabteilung an.
Nach der Auflösung der Schulbrigade am 01.12.1981 kamen zwei Schiffe zur 1.Flottille. Die „Kamenz“ wurde im Oktober 1981 außer Dienst gestellt gestellt und im Nordhafen von Peenemünde als Reserveschiff mit der Bord-Nr. 351 konserviert.

Alle anderen Schiffe des Projekts 89.2 wurden der 1. und 3. MSR-Schiffsabteilung Peenemünde bzw. der 2. und 4. MSR-Schiffsabteilung Rostock - Hohe Düne zugeordnet. Zu welcher Abteilung das Schiff gehörte, erkennt man an der 2. Ziffer der Bordnummer.

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Verbleib
Bereits zur Volksmarine-Zeit wurden mindestens acht Schiffe außer Dienst gestellt. Dazu kommen noch drei Schiffe, die im Nordhafen von Peenemünde konserviert waren.
Von den 30 Schiffen wurden 14 Schiffe abgebrochen.
Die Bundesmarine hat 6 Schiffe bis 1991 weiter in Fahrt gehalten. Davon wurde eines anschließend verschrottet. [siehe auch hier]
Die 1991 noch verbliebenen 15 Schiffe wurden wie folgt verkauft bzw. abgegeben:
Vier Schiffe gingen 1991 nach Uruguay. Davon sank die „Valiente“ (ex. „Eilenburg“) nach einer Kollision am 05.08.2000.
Nach Lettland wurden 1993 zwei Schiffe vergeben, „Kamenz“ (lettisch „Viesturs“) und „Röbel“ (lettisch „Imanta“). Beide Schiffe absolvierten 1997 und 1998 noch Werftaufenthalte in Wolgast. Aber bereits 2009 sind beide außer Dienst gestellt worden und gingen 2010 zum Abbruch. [Video - externe Seite]
Alle anderen neun Schiffe gingen nach Indonesien, wo sie noch heute ihren Dienst verrichten.

Taktisch technische Daten:

  Projekt 89.2 Änderung bei
Projekt 89.2 UR
Änderung bei Projekt
89.2 UR 2
Verdrängung normal: 449,09 t 480,84 t  
Verdrängung voll: 483,44 t 506,52 t  
Länge über alles:  56,52 m  56,73 m  
Länge in der KWL:  53,00 m    
Breite über alles:    7,76 m    7,80 m  
Breite in der KWL:    7,16 m    7,20 m    7,50 m
Tiefgang normal:    2,22 m    2,44 m  
Besatzung: [weitere Informationen] 29 Mann 30 Mann  
Bewaffnung:      
Artillerie: 3x 25mm Doppellafette 2-M-3m [Bild]
Kampfsatz: 6120 Granatpatronen, davon 4080 Splitterbrandgranatpatronen mit Leuchtspur
und 2040 Panzergranatpatronen mit Leuchtspur
Fla-Raketen:     Vierfachraketenstarter
FASTA 4M2
Minen möglich: 8 Stk. KB oder
6 Stk. KMD-2-1000 oder
10 Stk. KMD-2-500 oder
8 Stk. UDM oder 24 Stk. JAM
5 Stk. KB oder
4 Stk. KMD-2-1000 oder
6 Stk. KMD-2-500 oder
4 Stk. UDM oder 34 Stk. JAM
10 Stk. KB oder
8 Stk. KMD-2-1000 oder
13 Stk. KMD-2-500 oder
8 Stk. UDM oder 34 Stk. JAM
Wasserbomben möglich: 24 Stk B1 34 Stk. B1  
Handfeuerwaffen: 10 MPi KM (ab ca.1980 KMS),
5 Pistolen M, 2 Leuchtsignalpistolen
10 MPi KMS, 6 Pistolen M,
2 Leuchtsignalpistolen
120 Handgranaten RGD-5
 
Minenräumgeräte:      
akustische: AT-2 AT-2/M AT-2/M oder AT-6
elektromagnetische: KFRG/RL
HFG 13m oder HFG 24m
HFG 13/24S
FRG-1-E, FRG-1-Ss
HFG 13/24M
FRG-1-Ss/E, FRG-2-MA
mechanische: SDG/RL oder
MSG-1-S/Sp
MSG-1-S/Sp oder
MSG-2-S/Sp
MSG-1-S/Sp oder MSG-3-S/Sp,
MSG-4-S/Sp (nicht ständig aufgerüstet)
für MAW-Hubschrauber Mil Mi-14BT   GKT-3W GKT-3W
Geschwindigkeit: max.: 18,5 kn max. 18 kn, marsch: 15 kn  
Geschwindigkeit min.: 3- 6 kn 2 kn  
Einsatz: bis Wind 10, bis See 8    
Einsatz bei Eis: Fest: bis 20 cm; Schollen: bis 30 cm    
Waffeneinsatz: bis Wind 7, bis See 5    
Antrieb: 2x Dieselmotoren 40DM [Bild]    
Leistung: 2942 kW    
Schiffswellen: 2 mit Verstellpropellern    
Hilfsdiesel: 5x 6VD 14,5/12/1 SRW mit Generator 60 kW gekoppelt
Bordnetz: 220 / 380 V Drehstrom    
Fahrstrecke: 2000 sm bei 15 kn 1500 sm bei 15 kn  
Autonomie: für sieben Seetage    

© 2005 - 2015 Peter Kieschnick

 

Eine Chronologie von Bordnummern des Projekts 89.2 ist durch Helbe und Horma (Horst Maiwald, [Horma] †2014) erarbeitet wurden.
Interessenten zu einzelnen Schiffen oder anderen Details melden sich bitte über E-Mail: webmaster@parow-info.de
Weitere Chronologien sind hier.