www.parow-info.de  (Stand: 15.06.2015)

Feuerlöschboot Typ „Berger“

Umbauprojekt T-2

Vorgeschichte
Die beiden Boote vom Typ „Berger“ sollen aus zwei ehemaligen Torpedofangbooten (TF-Boot) der „Jäger“ Klasse der Kriegsmarine aufgebaut worden sein. Gebaut wurden diese TF-Boote von der J.Schlichting Werft in Travemünde. Um welche Boote aus der damaligen Zehnerserie es sich handelt, ist unbekannt.
Es könnte sich um Boote der Torpedo-Versuchs-Anstalt Saßnitz handeln. Beide Boote wurden 1945 versenkt.

Die Autoren Wolfgang Müller und Reinhard Kramer kennzeichneten im Buch, „Gesunken und Verschollen“, unbekannte Wracks mit einem Y und einer Nummer. So erhielten diese beiden Wracks die Bezeichnung „Y-149“ bzw. „Y-244“. Diese Kennzeichnung wurde und wird in entsprechender Literatur weiterverwendet.

An folgenden Orten wurden diese Boote versenkt:

Bergung
Auf der Suche nach geeigneten Wasserfahrzeugen für die Wasserschutzpolizei Mecklenburg entschied man sich, auch Wracks zu bergen.
Die Bergungsarbeiten begannen am 16.07.1949 unter dem Kommando des Leiters des Referates Wasserschutzpolizei der Landesbehörde der Deutschen Volkspolizei von Mecklenburg, Seepolizei-Inspekteur Walter Steffens.

Als erstes sollte die „Y-244“ geborgen werden. Angehörige der Wasserschutzpolizei Saßnitz begannen mit der Bergung des 21,4 m langen und vollständig zugesandeten Bootes. Die Oberdecksbeplankung und die Aufbauten fehlten. Der Bootsmotor war versandet und verölt. Er wurde in Einzelteilen per LKW zur Werkstatt der Wasserschutzpolizei nach Ribnitz befördert und instandgesetzt.
Die Bergung des Rumpfes war durch den Schwemmsand sehr schwierig und wurde Mitte August 1949 vorläufig aufgegeben. Ob der Bootskörper geborgen wurde, ist nicht bekannt.

Mitte August 1949 begann man mit der Bergung eines zweiten Wracks, der „Y-245“ auf der Halbinsel Wittow, westlich von Mövenort (Breite: 54 Grad, 40,4 Minuten N; Länge: 13 Grad, 17 Minuten E). Dieses Boot lag an Land und war fast nicht versandet. Der Motor war stark geplündert worden. Ein Unterwasserleck wurde behelfsmäßig abgedichtet. Am 11.09.1949 zogen bis zu vier Fischkutter das Boot ins Wasser. Es wurde in den Saßnitzer Hafen geschleppt, wo es auf einer Slipanlage nochmals abgedichtet wurde. Die Reparatur des Unterwasserschiffs erfolgte in der Rostocker Rohde-Werft. In der Werkstatt der Wasserschutzpolizei Ribnitz wurden die Inneneinrichtung, die Decksaufbauten und Maschinenanlage wieder hergestellt. (Quelle: Ingo Pfeiffer, „Der Vorläufer der DDR-Marine“ in Marineforum 9-1997)

Welches der beiden Wracks die spätere „Berger II“ ist, lässt sich zurzeit nicht genau feststellen. Wenn man den Zustand der beiden Wracks beachtet, kann es auch sein, dass aus beiden eins gemacht worden ist. In der Literatur wird die Bezeichnung „Y-244“ verwendet.
Wer kann Hinweise geben?

Über die Bergung der „Y-149“ ist nichts Genaues bekannt.
Die Firma Staude-Schiffsbergung GmbH Stralsund hatte ein ehemaliges Flugsicherungsboot der Luftwaffe gehoben und der Stadtwerft Stralsund übergeben. Wann es gehoben wurde und um welches Wrack es sich genau handelt, ist unbekannt. In der Stadtwerft wurde das Boot als „Aviso“ geführt, diese Bezeichnung wurde mitunter auch für die „Berger I“ verwendet.
Der Schlepper „Mönchgut“ brachte im Auftrage der Seepolizei das Boot im Schlepp zur Peenewerft Wolgast (Wann?). Es soll die spätere „Berger I“ gewesen sein. [Quelle: Vorpommersches Landesarchiv Greifswald (Rep. 236) 264]

Es gibt für die Vorgeschichte der „Berger I“ und „Berger II“ noch viel Unbekanntes!

Übergabe
Im Herbst 1950 übergab die Generaldirektion Schifffahrt beide Boote an die Hauptverwaltung Seepolizei. Das Boot „Y-149“ als „Berger I“ und das Boot „Y-244“ als „Berger II“. Im Dezember 1950 waren aber beide Boote noch in der Werft (von-bis?).
Mit dem Befehl Nr. 19/51 des Leiters der Hauptverwaltung Seepolizei (HVS) vom 01.02.1951 wurde das Bergungsschiff „Berger I“ (ex Aviso) mit Bord-Nr. 921 zusammen mit der „Lumme“ dem Bergungs- und Rettungskommando Saßnitz unterstellt.
Am 15.11.1951 wurde die Einheit „Baubelehrung“ geschaffen, u.a. wurde auch die Besatzung für „Berger II“ hier zusammengefasst.

Umbau
1951/52 baute die Schiffs- und Bootswerft Gehlsdorf unter der Projektbezeichnung T 2 beide Fahrzeuge zu Feuerlöschbooten (FLB) um. Dabei wurden die Decksaufbauten um ein zusätzliches Deckshaus verlängert. Der Bootskörper bestand aus Holz und die Decksaufbauten aus Stahl. Die Dieselmotoren wurden instandgesetzt. Feuerlösch- und Bergepumpe wurden eingebaut. Die „Berger II“ erhielt eine Wasserkanone an Oberdeck vor dem neuen Deckshaus. Auf der „Berger I“ wurde keine Wasserkanone angebracht.

Einsatz und Verbleib
Die „Berger II“ mit der Bord-Nr. 922 wurde Anfang 1952 in Dienst gestellt. Beide Boote wurden nach dem Umbau 1952 als Feuerlöschboote klassifiziert und auch als Hilfsschlepper eingesetzt.
Am 13.04.1953 fand der erste Ausbildungslehrgang für schwere Taucher (S-Taucher) statt. Beteiligte Schiffe waren die "Berger I" und der Tauchkutter 924. Die Taucherausbildung erfolgte nach den Richtlinien für S-Taucher der deutschen Kriegsmarine.
Die Besatzung war am Anfang militärisch, mit einem Obermeister als Kommandant, später zivil.

Die Berger I verblieb bis Ende 1956 beim Bergungs- und Rettungsdienst in Saßnitz. Danach wurde sie der 3.Flottille und später der 6.Flottille zugeordnet, immer mit Standort Saßnitz. 1955 war das Boot in der Greifswalder Bootswerft. Dort wurden das Unterwasserschiff und die Maschine überholt sowie das Ruderhaus umgebaut.
1959 wurde das FLB an die zivile Hafenfeuerwehr Saßnitz abgegeben. (Suche Zeitzeugen und Fotos dazu.)

Folgende Berichte, Informationen und Bilder sind von Joachim Rudek, Kommandant der „Berger I“ von 1955 bis 1956, freundlicherweise zu Verfügung gestellt worden.
Zitate sind kursiv gekennzeichnet. Zur Vergrößerung der Fotos bitte auf das Bild klicken.

Die „Berger I“ hatte folgende Raumaufteilung:
„Von vorne beginnend: Kettenkasten, Wohnraum für 4 Mann, Maschinenraum, Wohnraum für 2 Mann, Bootsmannslast. Zugang zum vorderen Wohnraum war durch das Ruderhaus.“
Im kleinen Deckshaus war gerade mal Platz für den Kartentisch, Kompass, Maschinentelegraph und das Ruder.
„Die Besatzung bestand aus 6 Mann. Vorne gab es einen Kohleofen, auf dem auch gekocht wurde. Achtern heizten wir bei Landanschluss nur mit einem kleinen 2 kW E-Ofen. Im Winter grauenhaft. Die Bettwäsche fror an der Bordwand an.
Im Ruderhaus auf der Backbordseite gab es eine Toilette, es war ein Pumpenklo. Gewaschen wurde sich bei gutem Wetter an Deck, sonst im Ruderhaus aus einer Schüssel. An Steuerbord-Seite die große Kiste war die Verpflegungskiste. Da es kein Eis gab, vergammelte im Sommer die Wurst sehr schnell.
Unsere Bewaffnung bestand aus einer Pistole P 38, die ich am Mann hatte.
Funk gab es nur theoretisch. Wir hatten ein Sprechfunkgerät an Bord, aber es gab keine Gegensprechstelle an Land. So waren wir auf See immer „verschollen“.
Die Hauptmaschine war ein 100 PS Diesel Buckau-Wolf. Dazu gab es die Feuerlöschpumpe an Backbord und einen Jockel. Ich glaube HK 65. Die Schläuche sind Saugschläuche.
[siehe Bild links] Wir konnten damit andere Boote/Schiffe leer pumpen, lenzen. Die eigene Feuerlöschpumpe saugte das Wasser von außenbords an.
Die Schornsteinmarke war meine Erfindung. Niemand hat sich darüber mokiert. Das war ein Unikat. Die Kokarde ist der damaligen Mützenkokarde nachgemacht, schwarz-rot-gold.“

Zum Bergungs- und Rettungsdienst, Dienststelle E 26, gehörten die „Berger I“, die „Wismar“, die „Lumme“ und der Seiner-Schlepper 925. 1955 „machten wir nur einmal den üblichen Quatsch wie Verbandsfahren. Über dieses Bild der verschiedenen Fahrzeuge lachten sogar die Zivilisten an Land. Daher stellte man diese Ausbildung wieder ein. Die 921 fuhr dann selbständig, je nach Bedarf.“
Meist wurden Kurierfahrten durchgeführt. So wurde Material aus Peenemünde geholt oder zu anderen Booten, die auf See waren, gebracht. Bei scharf räumenden MLR-Bootsverbänden mussten öfter Personen oder schriftliche Befehle (aus Sicherheitsgründen nicht per Funk zu übermitteln) zu den Booten gebracht werden. Auch Versorgungsfahrten im Auftrage der Warnowwerft, die vor Saßnitz auf Reede Schiffe ausrüstete, wurden durchgeführt.
„Außerdem wurden wir als Taucherboot eingesetzt. Ich hatte eine Ausbildung als leichter Taucher und so suchten wir manchmal Geräte, die andere Boote in der Tromper Wiek verloren hatten. Auch als Schießscheibenschlepper wurden wir eingesetzt. Morgens liefen wir aus zum Zwangsweg Ansteuerung Sassnitz. Von Peenemünde kamen dann die KS-Boote, die auf unsere Scheibe im Anhang schossen. Als gegenlaufendes Gefecht, oder als mitlaufendes Gefecht. Letzteres war gefährlicher, weil die Geschosse oft ziemlich nahe kamen. Ich hatte dann immer auf dem Achterdeck einen Mann postiert mit einer Signalpistole. Wir hatten ja keinen Funk an Bord und konnten daher mit den KS-Booten nicht kommunizieren. Für die Schießscheibe stand mir eine 500 Meter 24 mm Schleppleine (Stahl) zur Verfügung. Das Ausfahren ging ja noch einfach. Aber die Leine hing natürlich durch. So war der tatsächliche Abstand zwischen Boot und Scheibe vielleicht 300 Meter. Und das bei scharfem Schuß. Eine Winsch hatte 921 nicht. Das heißt, nach dem Schießen mußten die 500 Meter Leine per Hand von der Gang eingeholt werden. Knochenarbeit. Zur Erleichterung ging ich dann immer stoßweise mit der Maschine zurück. Dabei mußten wir aber höllisch aufpassen, die Stahltrosse nicht in die Schraube zu bekommen. Das wäre ein Debakel gewesen, denn wir hatten ja keinen Funk an Bord. Und das dann bei Nacht auf See. Aber es ging immer alles gut.
Einmal "retteten" wir einen Kutter der GST aus "Seenot". Die waren am Morgen bei ablandigem Wind ausgelaufen. Als dann am Tage der Wind einschlief, saßen die Mädchen bös in der Klemme. Kein Wasser und keine Verpflegung an Bord. Wir nahmen sie dann mit nach Sassnitz.

                
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Die Berger II wurde in Saßnitz und ab ca. 1954 beim Bergungs- und Rettungsdienst Peenemünde eingesetzt. Bis zur Außerdienststellung am 15.10.1971 verblieb das FLB in Peenemünde. Es wurde mehrmals modernisiert und erhielt auch einen neuen Dieselmotor Typ 6NVD26.
Das ehemalige FLB wurde danach als Schiffsgaststätte „VINETA“ an der Sportschule Zinnowitz an Land aufgestellt [externes Foto bei www.ddr-binnenschifffahrt.de].
1998 wurde es vor Ort zerlegt und verschrottet.

Die „Berger II“ hatte folgende Raumaufteilung:
Von vorne beginnend: Kettenkasten, Kombüse (Stehhöhe für den Koch max. 1,75m) mit Kohleherd und ein Blechschrank, der mit Festeis als Kühlschrank diente. Danach folgten eine kleine Ecke mit einem Waschbecken und ein Kaltwasserhahn für vier Mann. Neben dem Niedergang vom Ruderhaus befand sich der Kohle-Zentralheizungsofen, der das gesamte Boot mit Wärme versorgte. Der Wohnraum für vier Personen war zugleich auch Messe. Es folgte der Maschinenraum. Neben der Hauptmaschine und dem Hilfsdiesel befanden sich hier die Lenz-, Berge- und Feuerlöschpumpe. Danach folgten ein kleiner Wohnraum für 2 Mann und die Achterlast.

Die „Berger II“ führte hauptsächlich Feuerlösch- und Bergeübungen im Hafen von Peenemünde, der Greifswalder Oie, auf dem Ruden und im Bodden durch. Mittwochs und donnerstags wurden die Einheiten auf der Insel Ruden und Greifswalder Oie versorgt.
Das Boot wurde auch umgangssprachlich „Flaggschiff der 1.Flottille“ genannt.

1959 hat das FLB bei den Aufnahmen zum DEFA Film „Hatifa“ auf der Insel Rügen um Glowe und Lauterbach mitgewirkt. Der Film wurde auf dem II. Internationalen Filmfestival in Neu Delhi 1961 mit der Silbernen Lotusblume ausgezeichnet.

Bei den Filmaufnahmen: 
        

Taktisch technische Daten 

  TF „Jäger“ -Klasse Wrack
Y-149*
Wrack
Y-244*
Wrack
Y-245*
„Berger I“ „Berger II“
Verdrängung: 27 t 60 t 30 t 30 t   60 t
Länge über alles: 21,40 m oder 21,86 m 22,30 m 21,40 m 22,30 m   22,30 m
Breite über alles:   3,70 m   3,80 m    3,70 m   3,80 m      3,80 m
Tiefgang:   1,33 m oder 1,29 m   1,10 m    1,30 m    1,10 m      1,32 m
Antrieb:         1x Dieselmotor Buckau-Wolf, Leistung 74 kW 1x 6 Zylinder 4 Takt Dieselmotor MWM, Leistung: 183 kW
später 1x Dieselmotor Typ 6NVD26, Leistung 133 kW
Geschwindigkeit: 14,6 kn oder 13,3 kn         max. 11 kn
Besatzung:         6 Mann 6 Mann
Ausrüstung:         Feuerlöschpumpe an Backbord und Sauganschlüsse Bergepumpe mit einer Leistung von 5000 l/min
Feuerlöschpumpe mit einer Leistung von 2500 l/min
zur Speisung der an Deck aufgestellten Wasserkanone
Wendestrahlrohr (Wasserkanone)
Sauganschlüsse beiderseits der Maschinenhaus-Aufbauten für die Bergepumpe

* Wrack-Daten sind ungefähre Angaben

Danke für Informationen von Alexander Jenak, Reinhard Kramer, Rolf Löpelt und Joachim Rudek . Zeichnungen mit freundlicher Genehmigung von Wolfgang Kramer sowie Fotos der „Berger I“ von Joachim Rudek und Dieter Winter.

© 2012 - 2015 Peter Kieschnick

Eine Chronologie der Bordnummern des FLB Typ „Berger“ ist durch Helbe und Horma erarbeitet worden.
Interessenten zu einzelnen Booten oder anderen Details melden sich bitte über E-Mail: webmaster@parow-info.de
Weitere Chronologien sind hier.