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damals 14 Jahre alt:

„Ich hatte auf der Vermisstenliste gestanden. Dieser Umstand erwies sich später als Vorteil.
Anfangs gab es aber einige Schwierigkeiten. Ich bekam zum Beispiel keine Lebensmittelkarte. Amtlich musste ich erst wieder neu geboren und aus der Vermisstenmeldung herausgenommen werden. Das dauerte. Viele Behörden und Dienststellen haben wohl nicht gewusst, dass ich wieder aufgetaucht war. So wurde ich auch nicht für den Volkssturm mobilisiert, brauchte keinen Bahndienst zur Betreuung von Flüchtlingen leisten, wurde nicht eingesetzt zum Bau von Panzersperren und blieb auch von andere Dingen verschont.
Es dauerte etwas, bis mir bewusst wurde, dass meine Mutter, mein Bruder Heini, meine Schwester, Oma und Opa tot waren. Das Bergen der Leichen aus dem zertrümmerten Luftschutzkeller Gartenstraße 14 war mit großen Schwierigkeiten verbunden. Erst auf eine energische Intervention meines Onkels, der für die Bombenentschärfung in der Stadt verantwortlich war, wurden die Opfer geborgen. Man fand nur Körperteile. Die Identifizierung soll schwer gewesen sein. Mein Bruder wurde am Koppelschloss, meine Schwester an einem Schürzenfetzen, meine Mutter an ihrer Handtasche erkannt.
Die Freigabe der Leichen erfolgte erst am 13. Oktober. Die Beerdigung fand am 16. Oktober auf dem Frankenfriedhof statt. In der Grabstelle fanden in einem Sarg alle Umgekommen aus der Gartenstraße 14 Platz.
Später fanden wir heraus, dass der Luftangriff knapp hinter unserem Haus begonnen haben muss. Drei Bomben gingen direkt auf das Gebäude nieder, und eine explodierte vor dem Kellerfenster des Luftschutzraumes.
Für mich begannen schwere Monate. Auch nach Ende des Krieges hatte ich keine Ruhe. Meine Ausgeglichenheit fand ich wieder, als ich meine Frau kennen lernte und eine Familie gründete. Dankbar bin ich meinen Verwandten, besonders meiner Stiefmutter. Sie haben meine weitere Entwicklung immer wohlwollend begleitet.
Eigentlich verfolgt der Bombenangriff mich noch bis heute.“