Marinefliegergeschwader 5
SAR Außenstelle Parow

Ab dem 03.Oktober 1990 übernahm ein Hubschrauber Typ „Sea King“ den SAR-Dienst (Search And Rescure = Such- und Rettungsdienst). Am 10. Dezember 1997 erfolgte die Verlegung der SAR-Außenstelle zum Marinestützpunkt Warnemünde.

Damit endete die aktive Stationierung von Luftfahrzeugen in Parow.

Fährunglück „Jan Heweliusz“

Am 14.01.1993 um 04:45 Uhr empfing Rügen-Radio einen Mayday-Seenotruf der polnischen Fähre „Jan Heweliusz“. Die Fähre hatte 70 Grad Schlagseite. Das Schiff war auf der Fährlinie von Swinemünde nach Ystad unterwegs, als dieses Unglück rund 18 sm vor der Insel Rügen ereignete.
Die Rettungsleitstelle Glücksburg (RCC) alarmierte die SAR-Außenstelle Parow ca. 05:10 Uhr. Um 05:12 Uhr trieb die Fähre bereits kieloben im Wasser, dies wusste zu diesem Zeitpunkt aberniemand.

Der SAR-Hubschrauber Sea King „89+61“ aus Parow war gegen 06:00 Uhr als erster am vermuteten Unglücksort. Das Bordradar zeigte keinen Kontakt. Die Sicht war durch gewaltige Schauer fast Null. Der Orkan „Verena“ hatte eine Stärke von 12 Beaufort (Windgeschwindigkeit bis zu 160 km/h). Um 06:12 Uhr wurden drei rote Leuchtraketen gesichtet. Das Signal eines Notsenders konnte erfasst und angepeilt werden. An dieser Stelle angekommen, wurden schwache Lämpchen von Schwimmwesten oder Booten bemerkt. Nach dem Einschalten der Scheinwerfer wurden in der tobenden See treibende Trümmer, Schwimmwesten, Schlauchboote und ein gekentertes Rettungsboot gesichtet. Die Position wurde der Rettungsleitstelle gemeldet, so das nun weitere Kräfte zielgerichtet herangeführt werden konnten.

Der Hubschrauber flog eine Rettungsinsel an. Die Situation war schwierig, Sturmböen erfassten immer wieder den Hubschrauber, und die Rettungsinsel schleuderte in der Kreuzsee hin und her. Es wurde ein Windenseil mit einer Rettungsschlinge hinunter gelassen, die genau in die Einstiegsöffnung der Rettungsinsel dirigiert werden musste. Aber die ermatteten und unterkühlten Insassen waren nicht mehr in der Lage, nach der Schlinge zu greifen. Der Hubschrauber musste die Aktion abbrechen, hier konnte nur noch ein Rettungskreuzer helfen.

Zwischen 06:30 Uhr und 07:40 Uhr bestand aufgrund der extremen Wetterlage kein Funkkontakt zwischen der Rettungsleitstelle und den Hubschraubern. Die „89+61“ übernahm nun auch die Koordinierung der Rettungsaktion. Um 06:33 Uhr traf ein dänischer Sea King aus Vaerlöse bei Kopenhagen im Unglücksgebiet ein.

Im Scheinwerferlicht der Sea King „89+61“ wurde eine gekenterte Rettungsinsel gesichtet. Mehrere Personen waren im Wasser. Brecher schlugen ihnen über den Kopf, sie versanken im Wasser und kamen wieder hoch. Es galt, Menschen aus dem 2 Grad kalten Wasser in Dunkelheit bei einem Wellengang von fünf bis sechs Metern Höhe zu retten. Die Hubschrauberbesatzung begann mit der Bergung. Dabei zeigte sich, dass die Schiffbrüchigen keinerlei Erfahrung im Umgang mit Rettungsmitteln besaßen. Es konnten durch diesen Hubschrauber zwei Menschen gerettet werden.

Die Sea King „89+58“ aus Kiel und der Sassnitzer Rettungskreuzer „Arkona“ erreichten das Unglücksgebiet. Über Funk wurden diese von dem Parower Hubschrauber eingewiesen. Die dänische Sea King hatte zu diesem Zeitpunkt bereits drei Schiffsbrüchige geborgen und brachte sie nach Parow. Leider verstarben zwei der Geborgene auf diesem Flug.
In Parow wurde eine Notfallstation zur Aufnahme von 60 Personen aufgebaut. Dort wurden die Verunglückten vom Personal des Marinesanitätszentrums Parow und zivilen Notärzten versorgt. Es standen eine ganze Reihe von Rettungswagen bereit. Nach der Erstversorgung wurden die Überlebenden in das Klinikum nach Stralsund transportiert.

Ein weiterer dänischer Rettungshubschrauber war von Rönne auf Bornholm zum Unglücksort unterwegs.
Der Tag brach bereits an. In einem Seegebiet von ca. 800 Meter im Quadrat trieben Boote, Trümmer und Schwimmwesten. Man konnte nun auch die Schwimmer erkennen, leider aber auch die ersten Toten. Die Besatzung der „89+61“ versuchte, weitere Verunglücke mit Hilfe der Rettungsschlinge aus dem Wasser zu bergen. Das misslang. Der Rettungskreuzer wurde per Funk an die Stelle dirigiert. Die Seeleute auf der „Arkona“ konnten von ihrer niedrigen Brücke aus die Schiffsbrüchigen nicht sehen. Der Rettungskreuzer brachte später die Geborgenen nach Saßnitz.
Der Hubschrauber „89+61“ flog nun nach Parow zurück. Auf dem Rückflug ca. 07:30 Uhr entdeckte die Besatzung das Wrack der „Jan Heweliusz“ kieloben im Schifffahrtsgebiet treibend. Dies wurde sofort der Rettungsleitstelle und dem Rügen-Radio übermittelt. Ein Schiff, das in dieser Richtung unterwegs war, wurde gewarnt.
Weitere Rettungskräfte, drei Hubschrauber des Bundesgrenzschutz und eine Sea King aus Eckernförde mit Kampfschwimmern waren nun zur Unglücksstelle unterwegs.

Die Sea King „89+61“ landete um 08:25 Uhr in Parow und bereitete sich zum nächsten Einsatz vor. Beim Start waren Mediziner an Bord, die auf die Fähre „Rügen“ abgewinscht wurde, um zur Unglückstelle zu fahren. An Bord des Hubschraubers waren ein Arzt und ein Kampfschwimmer verblieben. Durch den Kampfschwimmer wurden unter Lebensgefahr sechs Menschen aus dem Wasser und gekenterten Rettungsinseln geborgen, leider konnte der Arzt nur noch den Tod feststellen. Gegen 12:30 Uhr flog der Hubschrauber nach Parow zurück.

In Parow musste auch für 15 Menschen den Totenschein ausgestellt werden.
Noch weitere 24 Stunden wurde durch zahlreiche Schiffe und Hubschrauber nach Überlebende gesucht. Insgesamt starben 55 von 64 Personen, die sich an Bord der Fähre „Jan Heweliusz“ befunden hatten.

Noch weitere 24 Stunden wurde durch zahlreiche Schiffe und Hubschrauber nach Überlebende gesucht. Insgesamt starben 55 von 64 Personen, die sich an Bord der Fähre „Jan Heweliusz“ befunden hatten.

Quellen:
Zeitzeugen, Wehrausbildung 1/1994, verschiedene Tageszeitungen.

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