(Stand: 17.03.2016)

Minenleg- und Räumschiff Typ „Habicht“

NATO-Code: Habicht I/II-Klasse

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Das Konstruktionsbüro Stralsund wurde auf der Grundlage des Regierungsauftrages B2/40116 vom 01.01.1951 mit der Konstruktion eines Minenleg- und Räumfahrzeuges (MLR) betraut, das als „Projekt 1“ (intern „Projekt 1000“, in der fertigungsreifen Überarbeitung „Projekt 2000“) aktenkundig wurde. Unter der Leitung des Oberingenieurs Walter Schlaak entwickelte die Volkswerft Stralsund das MLR unter dem Typnamen „Habicht“.

Der Entwurf lehnte an Erfahrungen aus dem „Konstruktionsbüro Ost“, Königsberg, an, woraus sich auch die Ähnlichkeit des MLR mit dem Minensucher Typ „M-Boot 43“ der Deutschen Kriegsmarine erklärt. Ebenfalls in Anlehnung an die bis dato in der deutschen Marine übliche Bezeichnung „M-Boot“ für „Minensuchboot“ sprach man den „Habicht“ anfangs als „MLR-Boot“ an, später dann befehlsweise auf der Basis eigener Klassifikationsfestlegungen (im Ministerbefehl 1/56 zur Aufstellung der NVA enthalten) als „MLR-Schiff“. Offiziell wurde es in der Entwicklungsphase „Fischereiaufsichtschiff“ genannt.

Die Volkswerft Stralsund begann mit dem Bau am 10.04.1952, der erste Stapellauf war am 12.12.1952. Die Bau-Nrn. 2001, 2003 und 2006 wurden vollständig auf der Volkswerft gebaut und an die Volkspolizei See übergeben. Die Bau-Nrn. 2002, 2004 und 2005 wurden zum Fertigbau zur Peenewerft Wolgast verschleppt. Für die Bau-Nrn. 2007 bis 2010 wurden im Zuge der Produktionsverlagerung von der Volkswerft gefertigte Sektionen an die Peenewerft geliefert. Bau-Nr. 2011 und 2012 wurden komplett auf der Peenewerft hergestellt.

Im Rahmen des Projektes „Habicht“ gab es drei Bauausführungen (BA).
Zwischen der 1. und 2. BA war der wesentlichste Unterschied: die 1.BA hatte nur einen Maschinenraum für beide Antriebsmotoren, die 2. BA für jeden einen. Die Schiffe der 1. und 2. BA wurden in der Flotte auch als „Habicht-kurz“ bezeichnet, die 3. BA war ca. 6 m länger und hieß dementsprechend „Habicht-lang“. Die Ursache lag an der Querslipanlage der Volkswerft Stralsund, die seinerzeit nur für eine Schiffslänge von 60 m ausgelegt war. Projektiert war der „Habicht“ aber für eine Länge von 65,15 m.

1964 wurden die Bau-Nrn. 2008 und 2009 umgebaut. Sie werden als „modernisierte Habicht“ oder „Habicht-mod“ bezeichnet. Die Brückenform und der Mast der Schiffe wurden verändert, ähnlich den Schiffsnachfolger Typ „Krake“. Das 85 mm Geschütz auf der Back wurde ausgetauscht gegen ein halbautomatisches 57 mm Geschütz in Doppellafette. Die Elektronik und Minenräumausrüstung wurde verändert.
Mit der Modernisierung der beiden Schiffe wurde daß Ziel verfolgt, neue Waffensysteme und Technik für die künftige Nutzung auf neuen Schiffsprojekten der Volksmarine zu erproben. So wurden die mittleren Landungsschiffe des Typs „Robbe“, mit dem 57 mm Geschütz ausgerüstet.

Insgesamt wurden 12 Schiffe gebaut:
1. BA Baunummern 2001 und 2002
2. BA Baunummern 2003 bis 2006
3. BA Baunummern 2007 bis 2012.
Am 01.03.1961 erhielten die Schiffe Namen von Städten der DDR, mit Ausnahme der Bau-Nrn. 2003 und 2005, die sich zu diesem Zeitpunkt bereits in der Umbauphase zu Rettungsschiffen befanden.

  1. und 2.BA 3.BA
Verdrängung:  510 t  670 t
Länge:   59,1 m   65,15 m
Breite:    8,0 m    8,2 m
Tiefgang:    2,3 m    2,5 m
Antrieb:  1. BA: 1x DM Typ MWM und
 1x DM Typ 6KVD43A
 2.BA: 2x DM Typ 6KVD43A
 2x DM Typ 6KVD43A 
Gesamtleistung:  1765 kW   1765 kW 
Geschwindigkeit:   18 kn   17 kn
Fahrstrecke:  3700 sm   3700 sm 
Einsatz bis Wind:
             bis See
10
  8
10
  8
Besatzung:  Friedensstärke: 65 Mann
 Mob.-Fall: 75 Mann
 Schulfahrten bis zu 85 Mann
 68 bis 80 Mann 

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Bewaffnung:
Artillerie: 1.BA und Bau-Nr. 2003:
   1x 37mm Typ 70K [Bild], 2x1 25mm Typ 84 KM achtern und 2x2 12,7mm Fla-MG Typ DScha-K [Bild] auf dem Brückendeck
Bau-Nr. 2001:Bei Indienststellung 4x2 12,7mm Fla-MG Typ DScha-K für kurze Zeit [Bild], 195? Umrüstung auf vorgenannte Variante
Bau-Nr. 2003: Umrüstung noch 1953 auf 1x 85mm Typ 90K und 4x1 25mm Typ 84 KM;
Umrüstung 1.BA auf Standard 2.BA erfolgte nicht vor Mai 1957.
  2.BA (außer Bau-Nr. 2003):
    1x 85mm Typ 90K und 4x1 25mm Typ 84 KM [Bild]
1. + 2.BA: Umrüstung der 25mm auf 4x2 25mm Typ 2-M-3 begann nacheinander schiffsweise im Zuge der Werftzeiten
   (u.a. auch achterer Mast und Leitstand von Bord) nicht vor 1959. [Bild]
  3.BA:
    1x 85mm Typ 90K [Bild] und 4x2 25mm Typ 2-M-3 [Bild]
Die Schiffe der 3. BA wurden ohne Waffen in Dienst gestellt, die Zurüstung erfolgte 1956 (?) [Bild] [Bild]
zwei Schiffe - Bau-Nrn. 2008 und 2009 - wurden 1964 modernisiert: anstelle der 85mm Kanone kam der modernere 57mm-Zwilling Zwilling Typ SIF-31B auf die Back. Von der Umrüstung weiterer Habichte wurde jedoch abgesehen, weil die im Vergleich zur 85er annähernd doppelt so schwere 57er das Seeverhalten deutlich negativ beeinflusste.
Entfernungsmeßgerät: Das optische Entfernungsmeßgerät Typ 2m2RL [Bild] wurde mit Ausnahme von Bau-Nrn. 2003 und 2005 auf allen „Habichten“ ab ca.1960 nachgerüstet und blieb bis zur Außerdienststellung an Bord. Nur bei der Bau Nrn. 2008 und 2009 wurde das Gerät bereits um ca. 1968 von Bord gegeben.
Zur Erstausrüstung gehörte allerdings ein kleines „mobiles“ 1m-Basis-Gerät [Bild], dessen Vorhandensein, noch dazu auf dem RBS (ReserveBefehlsStand) im Einsatz, kaum dokumentiert wurde.
Wasserbomben:
  • 4 Wasserbomben in Einzellagern je Bordseite
    • bei Indienststellung der 1. und 2. BA 4 Wabo-Einzellager je Seite [Bild]
    • nach Einbau der Otterkräne: 1.BA nur noch 3 Einzellager je Seite [Bild]
                                                    2.BA 4 Einzellager je Seite in neuer Anordnung [Bild]
  • 2x Wabo-Werfer Typ BMB-1 [Bild]
    Ersatz der Wabo-Werfer durch BMB-2 [Bild]: 1. + 2.BA schrittweise ab 1959/60; 3.BA ab 1959 (?)
Minen möglich: 1. BA 
  Minenschienen 1. BA: 2x 30 m,
 
80 JAM oder 40 M08/39 oder
  24 KB oder 24 KMD-2-500 oder
  20 KMD-2-1000
2. und 3.BA
 Minenschienen 2x 35 m
  90 JAM oder 46 M08/39 oder
  28 KB oder 28 KMD-2-500 oder
  22 KMD-2-1000
Minenräumausrüstung:
  • 2 Otterkräne (1. + 2.BA ab 1955/56)
  • Klappspiere am Vorsteven für Bugschutz mit Räumotter O.R.G. [Bild] und / oder mit Geräuschboje-Turbine G.B.T auch „Rabatz-Boje“ genannt [Bild],
  • mechanische Scherdrachen-Geräte - S.D.G./M [Bild] und S.D.G./R,
  • elektro-magnetisches Kabel-Fernräumgerät K.F.R.G - wurde bereits in den 50er Jahren durch die Schwimmkabelgeräte SKG-55 ersetzt,
  • ab ca. Mitte der 60er Jahren akustisches Fernräumgerät Typ BAT-2 [Bild] und Hohlstab HFG-24 [Bild]
    BAT-2 und HFG-24 auf Bau Nr. 2008 und 2009 im Einsatz gesichert, auf den anderen Habichten noch unklar,
  • Bau-Nr. 2008 und 2009 ab 1964 elektro-magnetisches Fernräumgerät Typ TEM-52 , mit dem Steuergerät PAUT-4 und einer opto-elektronischen Synchronisationseinrichtung.
Sonar: 2. und 3.BA: Tamir-11
Funkausrüstung: UKW-Anlage R 609 „Akazie“, Allwellenempfänger „Dabendorf“ [Bild], Kurzwellenempfänger „EKN“, Kurzwellensender „SS-100“ später „SS-1000“, KW-Funkgerät SEG-15
 
Funkmeß- / Funknavigations-Ausrüstungen
in der zeitlichen Reihenfolge des Ersteinsatzes an Bord
  1. Bau-Nr. 2012: [Bild]
    Sowjetisches Radar „LIN-10“. Damit erstes Kriegsschiff der DDR überhaupt mit einer Radar-Anlage!
  2. Bau-Nr. 2008: [Bild] [Bild]
    Radaranlage „KS 1-B“ (oder ein Prototyp davon) aus DDR-Produktion, sehr wahrscheinlich in Vorbereitung für die Ausrüstung der MLR „Krake“
  3. Bau-Nrn. 2001, 2002, 2004, 2006: [Bild]
    Im Zuge einer Teilmodernisierung Ausrüstung mit
    • Radaranlage „KSA-III“ aus DDR-Produktion
    • Radaranlage „Sarnitza“ aus sowjetischen Lieferungen
    • FFK „Nichrom“ aus sowjetischen Lieferungen
    • Funknavigations-Anlage „Rym-K“ aus sowjetischen Lieferungen.
  4. Bau-Nr. 2006: [Bild]
    Zusätzlich Installation einer sowjetischen Funkmeß-Aufklärungsanlage „BISAN“.
    Derartig ausgestattet waren zu der Zeit nur die 2 KSS 50/3 und 50/4. Die 2006 blieb auch das einzige MLR.
  5. Bau-Nrn. 2003 und 2005: [Bild]
    Als Rettungsschiffe erhielten sie „KSA-III“ -Radar.
  6. Bau-Nrn. 2008 und 2009: [Bild]
    Nach der Langzeitkonservierung waren vorhanden:
    • KSA-III,
    • FFK „Nichrom“,
    • Funknavigations-Anlage „Rym-K“ war bereits früher installiert worden.
  7. Bau-Nrn. 2010 und 2011:
    Es fehlen derzeit Belege dafür, daß diese Schiffe vor ihrer relativ frühen Außerdienststellung außer „Rym-K“ weitere Elektronik erhalten haben.
  8. Kurioses: Außer dass die „Schwerin“ mit der Längerverpflichtung seiner Besatzung nach den 13.August 1961 dem „Klassenfeind“ das Fürchten lehrte, als  „740“ schloß sie mit dem Radargerät Typ „08/15“ vom VEB Eigenbau auch noch die letzte Aufklärungslücke! [Bild]

In Parow waren verschiedene MLR Typ Habicht stationiert. Alle sind bisher nicht nachzuweisen.
So wurden 1956 bis 1957 der 7.Flottille in Parow zeitweilig vier MLR aus der Flottenbasis Ost zugeteilt. Ebenfalls war von 1965 bis 1970 jährlich ein MLR bei der Schulbootsabteilung vorhanden, dieses wurde von der 1.Flottille unter Beibehalt seiner Bordnummer abgestellt.

Bisher wurden folgende MLR „Habicht“ in Parow nachgewiesen:
Bau-Nr. 2007 zwischen 1966 und 1968 genauer Zeitraum unbekannt;
Bau-Nr. 2008 vom 15.11.1956 bis 08.09.1957 und zwischen 1965 und 1970 genauer Zeitraum unbekannt;
Bau-Nr. 2009 vom 15.11.1956 bis 08.09.1957 und zwischen 1965 und 1970 genauer Zeitraum unbekannt sowie 1970 bis 1974 (1971 Abrüstung der Bewaffnung und Umbau zum Wohnschiff, behielt aber die Bord-Nr. S-91);
Bau-Nr. 2010 vom 15.11.1956 bis 08.09.1957
Bau-Nr. 2011 vom 15.11.1956 bis 08.09.1957
Bau-Nr. 2012 zwischen 1965 und 1968 genauer Zeitraum unbekannt

Verbleib:
Die Bau-Nrn. 2003 und 2005 wurden Anfang der 60er Jahre zu Rettungsschiffen umgebaut. Die Bau-Nr. 2003 wurde anschließend wieder umgebaut und der „Gesellschaft für Sport und Technik“ (GST) das Schulschiff „Ernst Thälmann“ übergeben. Die Bau-Nr. 2009 wurde noch bis 1974 als Wohnschiff in Parow verwendet.
Nach der Außerdienststellung der Schiffe, wurden diese abgebrochen. Zwei Schiffe, Bau-Nrn.: 2007 und 2012 wurden auf dem Peenemünder Haken im Schießgebiet auf Grund gesetzt und dienten als Zielobjekte.

Danke für Infos von Norbert Kaatz und Bernd Loose.

© 2007 - 2015 Horst Maiwald (†2014) / Peter Kieschnick

Hier die Chronologie aller „Habichte“. Erarbeitet durch Helbe und Horma (Horst Maiwald, [Horma]). Meinungen, Anregungen, Korrekturen, Fragen usw. sind zu der Liste erwünscht! E-Mail: webmaster@parow-info.de.
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