Kleines Torpedoschnellboot Projekt 131.400

NATO-Code: Libelle

Im November 1970 wurde durch die Verwaltung Schiffbau die Entwicklung eines Kleinen Torpedoschnellbootes (KTS) veranlasst. Die Boote wurden von der Peenewerft Wolgast entwickelt. Sie erhielten die Projekt-Nr. 131. Von Oktober 1971 bis März 1977 wurden insgesamt 34 Boote gebaut.

Versuchsboote
Die ersten drei Versuchsboote, Projekt-Nr. 131.1 bis 131.3, entstanden auf der Peenewerft Wolgast. Am 30.05.1972 wurde mit der Erprobung des ersten Versuchsbootes begonnen. Die Boote erhielten folgende Bord-Nr.: W 12, W 13 und W 11.

Projekt-Nr. Besonderheiten:
131.1 zeitweilig war achtern eine Messkabine aufgebaut, großer Gittermast, Torpedorohre
131.2 Torpedorohre, vier Minenausstoßrohre
131.3 Nullboot, Brücke und Bewaffnung wie Serienboote

Die werftseitige Erprobung endete am 30.11.1973. Die Truppenerprobung erfolgte weiter beim Wissenschaftlich-Technischen Zentrum (WTZ) Wolgast. Dabei wurden die Basierungsorte Darßer Ort und Dranske genutzt.
Nach der Erprobung wurde das erste Boot abgebrochen. Die anderen beiden wurden beim WTZ mit V-Bord-Nr. weiter als Versuchsboote verwendet. Auch hier erfolgte nach der Nutzungszeit der Abbruch, das letzte Mitte 1978.

Das erste Serienboot, Projekt-Nr. 131.4, wurde als Versuchsboot eingestuft, da es Mängel aufwies. Es diente zuerst als Ausbildungsboot und Versuchsträger. Ab 1981 gehörte es zur 7.TSB-Brigade und blieb dort bis zum Abbruch.

Serienboote
Die Serienfertigung nach Projekt 131.4 begann 1974 und endete 1977.
Die Bootskörper und Aufbauten wurden in der Schiffswerft Rechlin gefertigt und per Schwerlasttransport nach Wolgast gebracht. Für den Straßentransport mussten Straßenbäume gefällt, Straßen begradigt, Kurven ausgebaut und Brücken verstärkt werden. Die Endmontage erfolgte in der Halle III der Peenewerft Wolgast. Die Torpedo- und die Minenausstoßanlagen wurden durch die Peenewerft gefertigt.

Konstruktion
Das Boot war ein Knickspant-Gleitboot. Der Bootskörper und das Deckshaus bestanden aus Aluminium in vollgeschweißter Ausführung. Das Boot war in sechs wasserdichte Abteilungen unterteilt. Zwei Dieselmotoren waren im Bugmaschinenraum [Bild]*, Abteilung IV, untergebracht. Diese wirkten in direkter Flucht auf die Außenwellen. Im Heckmaschinenraum [Bild], Abteilung II, war der Dieselmotor mit Abtrieb in Richtung voraus (entgegengesetzt zu den anderen beiden) zwischen den Torpedorohren angeordnet. Dieser wirkte auf die Mittelwelle. Durch ein Wendegetriebe mit hydraulischer Umsteuerung konnte man bei diesem Motor die Drehrichtung ändern. Das KTS-Boot wurde durch den Kommandanten mit Hilfe eines Lenkrads (vom LKW-Typ W 50) gesteuert.
In den Rumpfseitenschalen waren Buchsen zur Aufnahme einer Hebetraverse angebracht. So konnten die Boote mittels Kran aus dem Wasser gehoben werden.
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Wegen der hohen Beanspruchung des Schiffskörpers war die Lebensdauer eines KTS-Bootes mit 500 Betriebsstunden vorgesehen. Sie wurde später auf 750 Stunden erhöht.
Die KTS-Boote konnten im Seegang ohne Fahrt mit bis zu 45 Grad zur Welle liegen! Diese besondere Eigenschaft besaß kein anderes Gleitboot.

In der Abteilung V gab es eine Notunterkunft mit vier Notkojen. Auch eine Elektro-Kochplatte war dort vorhanden. Die Besatzungen der KTS sind auch mit Schlafsäcken ausgerüstet worden.

Verwendungszweck
Als Fahrbereich waren die Ostsee und Nordsee vorgesehen, speziell für der Einsatz im Küstenvorfeld.

Für folgende Aufgaben sollten die KTS-Boote eingesetzt werden:
Torpedieren von Überwasserzielen, auch in Flachwassergebieten,
Legen von Fernzündungsminen,
Transport von Spezialkommandos und Kampfschwimmern,
Aufklärung sowie
Begleiten und Kurierdienst als Nebenaufgabe.

Für Kommando-, Landungs- und Kampfschwimmereinsätze kamen die beiden Minenrohre von Bord. Je Seite wurde eine Sitzreihe montiert, insgesamt 16 Sitze. Diese waren mit einem Spritzschutz - Schanzkleid (Persenning) versehen. Die Rückenlehne der Stahlrohrsitze lag an den Fahrstand-Seitenwänden. Für diese Umrüstung waren vier Stunden vorgesehen. Diese Ausführung nannte man K-Variante. [Bild]

10 KTS-Boote waren täglich in „Ständiger Gefechtsbereitschaft“. Diese Boote wechselten in einem bestimmten Rhythmus. Sie waren für diese Zeit voll mit Munition und Gefechtstorpedos ausgerüstet. Die KTS-Boote nahmen an fast allen Übungen und Manövern sowie Flottenparaden teil.

 

Bewaffnung
  Hauptbewaffnung zwei 533,4 mm Torpedos Typ 53/39PM oder 53/56W [Bild]
   - die Ausstoßöffnungen lagen dicht über der Wasseroberfläche,
   -  das Laden der Torpedorohre erfolgt mit Hilfe eines Tragarmes und Kran, [Bild]
   -  der Ausstoß des Torpedos erfolgte nach achtern mit dem Gefechtskopf nach vorn,
   -  durch den Rückausstoß war die maximale Eintauchtiefe des Torpedos fünf Meter,
   -  Einzel- und Intervallausstoß von etwa 1 Sekunde war möglich.
  23 mm Flak DL 2 V 23 mit Wetterschild (modifizierte ZU-23) [Bild]
   -  einfaches Ringvisier,
   -  Höhenrichtbereich – 15 Grad bis 90 Grad,
   -  Feuergeschwindigkeit praktisch 400 Schuß/min,
   -  Anfangsgeschwindigkeit des Geschosses: 970 m/s,
   -  Kampfsatz 500 Granaten,
   -  die Munitionsgurtkästen (mit je 50 Granatpatronen) konnten während der Fahrt nicht gewechselt werden,
  zwei Minenausstoßrohre [Bild] für Fernzündungsminen Typ UDM
   -  15 Grad zu Mitte Schiff versetzt,
   -  Laden der Minen mit Hilfe eines Kranes,
   -  Mine wurde mittels Druckluft ausgestoßen,
   -  Wurfweite 6,5 m
   -  Einsatztiefe der Mine 12 bis 50 m, hydro-akustische Zündung
  vier Nebeltonnen am Heck in Nebeltonnenlager möglich [Bild]
   -  Nebeldauer ca. 7,5 min
  Schützenwaffen
   -  2 MPi KMS-72 mit gesamt 600 Patronen und 3 Pistolen M mit gesamt 72 Patronen

Stationierung
Die KTS-Boote gehörten zur 6.Flottille auf dem Bug/Dranske.

In Parow war dieser Bootstyp nicht stationiert. Aber wie in vielen anderen kleinen Häfen waren auch hier die KTS-Boote ab und zu anwesend. [Bild]

Die Boote erhielten keine Namen. Die einzelnen Brigaden trugen folgende Namen: die 7. „Fritz Globig“ und die 9. „Karl Baier“.

Verbleib
Die Außerdienststellung der 30 Serienboote begann 1984 mit 15 Booten. Weitere 12 Boote wurden im Mai bis Oktober 1989 und die Projekt-Nr. 131.408 sowie 131.410 am 31.05.1990 außer Dienst gestellt. Die beiden letztgenannten wurden in Kiel museumsgerecht demilitarisiert.
Das Boot mit der Projekt-Nr. 131.421 kollidierte im April 1986 mit einem RS-Boot Projekt 205 (Bord-Nr. 734) und sank. Es wurde gehoben und verschrottet.

Alle Boote wurden abgebrochen mit folgenden Ausnahmen:
Baunummer 131.408 – ab Oktober 1992 in Parow, im November 1993 ans Marinemuseum Stralsund-Dänholm als Dauerleihgabe der Deutschen Marine abgegeben. Dies geschah geschleppt auf dem Seeweg mit Hilfe des Tonnenlegers „Ranzow“, letzte Bord-Nr. 924 (Spitzname „Sommerschuh“),
Baunummer 131.410 - Wissenschaftliches Institut für Schifffahrts- und Marinegeschichte Hamburg (auch bekannt als Museum Tamm),
ab 24.06.2008 als Leihgabe im Luftfahrttechnischen Museum Rechlin e.V., letzte Bord-Nr. 925
Baunummer 131.422 - Militärhistorisches Museum in Dresden - auf dem Wasserweg nach Dresden gebracht, Dauer: vier Wochen [Hier der Bericht], letzte Bord-Nr.961
Baunummer 131.423 - im Außenbereich des Traditionsschiffs Typ „Frieden“ Rostock-Schmarl, wegen Umgestaltung des Geländes durch die IGA abgegeben und per Mehrzwecklandungsboot „Plötze“ im September 2001 zum Deutschen Marinemuseum Wilhelmshaven transportiert, Leihgabe des Militärhistorischen Museums Dresden, letzte Bord-Nr. 964
Baunummer 131.402 - nach der Außerdienststellung zum Zentralen Übungsplatz des Chemischen Dienstes der NVA in Storkow verbracht als Ausbildungsobjekt (Ausbildungsanlage 112 Station 2) für die Einheiten der chemischen Abwehr der Volksmarine. [Bild]

KTS-Attrappen [Bild]
Zur Täuschung gab es KTS-Attrappen aus derbem Schlauchbootgummi. Sie wurden in der Oberlausitz angefertigt und bei Bedarf mit Hochdruckkompressoren aufgeblasen. Die aufgeblasenen KTS-Boot-Dummies hatten die Umrisse ihrer Vorbilder. Sie waren mit einer Schleppleine zum Transport auf dem Wasser versehen, hatten jeder eine Bordnummer, einen Radarreflektor und eine Dienstflagge. 1995 wurden sie über die VEBEG in alle Welt verkauft.

Taktisch-technische Daten für Projekt 131.4

Verdrängung: 32,52 t Torpedo-Variante,
  35,16 t Torpedo-Minen-Variante,
  33,94 t Torpedo-Kampfschwimmer-Variante
Länge über alles: 18,96 m
Länge zwischen den Loten: 17,62 m
Breite über alles:   4,42 m
Seitenhöhe:   2,23 m
Größte Höhe über Wasserlinie:   6,08 m
Tiefgang achtern:   1,74 m
Geschwindigkeit: min.: 8 kn, marsch: 32 bis 38 kn, max.: 48 kn
Mindestgeschwindigkeit bei Torpedoausstoß: 24 kn
Regelabsetzgeschwindigkeit Kampfschwimmer: 22 bis 28 kn
Autonomie: 4 Seetage
Seeklar: bei warmen Hauptmotoren 55 min
Fahrstrecke: max.: 300 sm
Seetüchtigkeit: bis See 6 (bei 30 kn bis See 4)
Einsatz bis Lufttemperatur ab + 3 Grad Celsius
Waffeneinsatz: Geschütz bis See 3 bei Geschwindigkeit von ca. 32 kn
  Torpedo bis See 4, optimale Schußentfernung: 20 kbl (3704 m)
  Minen bis See 6
Bewaffnung: 2x starre Torpedoausstoßanlage
  2x Minenausstoßanlage
  1x 23 mm Zwillingslafette DL 2 V 23
  4x Nebeltonnen möglich
Funkanlage: 2x UKW R-619
  1x KW R-130 T (Panzerfunkstation)
  2x BÜ-Anlagen R-124
 [Bild] 1x Bordaufzeichnungsgerät BAG MAK 2s
weitere Anlagen: Radar TSR 222
  automatischer Funkpeiler ARP-58SB bzw. ARB-58SW
  FFK-Antwortanlage SRZO2, ähnlich wie bei dem Flugzeug Mig-21 (4 cm hohe Antenne auf dem Mast)
  Kreisel-Magnetkompass-Anlage Gradus 2 bzw. 2M
  Magnetkompass KI 13
  Koordinatenrechner AP-3M-204
  Fahrtmeßanlage LG-6M
  Torpedozieleinstellgerät TZE
Antrieb: 3x Dieselmotoren M50 Ausführung F3 bis F7, 12 Zylinder [Detail-Bild] [Bild Treibölbunker]
  Gesamtleistung: 2647,8 kW
Schrauben: 3 [Bild]
Generator Typ 2VD8
Besatzung: 5 Mann
  Kommandant, Obersteuermannsmaat, Motorenmeister, Elektrikergast, Artilleriegast,
  zusätzlich noch ein Arbeitsplatz vorhanden – Vorgesetzter oder Stabsoffizier

Bilder:

KTS im Einsatz
           
Übergabe von Minen und Torpedos vom Gefechtsversorger Projekt 109 (NATO: Frosch II – Klasse) an das KTS-Boot in See.
Die Übergabe der Torpedos war in Fahrt und im Stand bis See 2 möglich.
                 
KTS Modellbau
Modell im Luftfahrttechnisches  Museum Rechlin     Modell gebaut von Klaus Lutz
           
Museumsboote
Baunummer 131.423 in Rostock- Schmarl, vor dem Abtransport zum Deutschen Marinemuseum Wilhelmshaven
       
Baunummer 131.423 im Deutschen Marinemuseum Wilhelmshaven
       
Baunummer 131.408 - in Parow
         
Baunummer 131.408 - Marinemuseum Stralsund-Dänholm letzte Bord-Nr. 924
       
Baunummer 131.422 - Militärhistorisches Museum in Dresden letzte Bord-Nr. 961
                 
Baunummer 131.410 - Luftfahrttechnisches  Museum Rechlin  letzte Bord-Nr. 925 
                 

© 2012 - 2015 Peter Kieschnick

Eine Chronologie der Bordnummern des Projekts 131 ist durch Helbe und Horma erarbeitet worden, mit Stand: Mai 2013.
Interessenten zu einzelnen Booten oder anderen Details melden sich bitte über E-Mail: webmaster@parow-info.de
Weitere Chronologien sind hier.