Torpedoschnellboot Projekt 183

NATO-Code: P 6
Russische Bezeichnung: Большой торпедный катер типа Большевик, Проект 183
                                       (Großes Torpedoboot Typ Bolschewik, Projekt 183)

Diese Torpedoschnellboote (TS-Boote) wurden von 1953 bis Ende der 1960er Jahre auf verschiedenen Werften der UdSSR gebaut, so auf der Petrovskiy-Werft Leningrad, in Feodosiya, in Wladivostok und in Sosnovka. Ca. 500 Stück wurden hergestellt. Exportiert wurden sie u.a. nach Ägypten, Algerien, China, DDR, Indonesien, Irak, Kuba, Nordkorea, Polen. Es gab verschiedene Versionen.

Das Projekt 183 war ein Gleitboot aus Kiefernholz, doppeldiagonal kraweel beplankt. Deshalb wurden sie auch „Holzpantoffel“ oder „Sibirische Kiefer“ genannt. In der Flotte hießen sie eigentlich schlicht und herzlich „Holzlatschen“. Auch die Spanten waren überwiegend aus mehrfach verleimtem Sperrholz hergestellt. An den Seitenwänden und der Rückwand des Fahrstandes waren Panzerplatten aufgesetzt. Das Boot war in acht wasserdichte Abteilungen unterteilt [weitere Informationen]*. Die Torpedorohre hatten einen festen Schußwinkel von 6 Grad nach Backbord bzw. nach Steuerbord zur Längsachse des Bootes. Der Pfahlmast konnte versenkt und der Funkmeßmast (Radar) konnte niedergelegt werden. Damit verringerte sich die Bootshöhe auf 5,20 m. Die Boote waren sehr robust und vielseitig einsetzbar. Der Torpedoeinsatz war bis See 3, darüber auch bei geringerer Geschwindigkeit möglich.
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Das Baubelehrungskommando für TS-Besatzungen wurde am 14.03.1957 in Parow aufgestellt. Damit begann die Zusammenstellung der ersten TS-Besatzungen. Am 08.10.1957 wurden die ersten sechs Boote in Dienst gestellt und weitere drei Boote am 19.10.1957. Sie bildeten die 6.TS-Abteilung. [siehe auch hier]. Am 30.10.1958 kamen nochmals fünf Boote in Parow in Dienst. Insgesamt wurden bis 1960 27 Boote gekauft.

Für die TS-Boote wurden eine Instandsetzungsbasis und eine Torpedoregelstelle in Parow eingerichtet. Eine alte Ablaufbahn für Seeflugzeuge des ehemaligen Seefliegerhorstes wurde zu einer Slipanlage umgebaut.
Bis Mai 1963 war Parow ein Hauptbasierungsort für die TS-Boote. Die Stationierung der Torpedoschnellbootsabteilungen in Parow wechselte danach ständig. Die Einrichtungen in Parow - Torpedoregelstelle, Instandsetzungsbasis mit Slipanlage [Bild] - wurden durch alle Torpedoschnellbootsabteilungen (TSA) genutzt. Es gab eine Winter- und eine Sommerslipzeit. Nachzuweisen sind die Slipzeiten in Parow bis 1968. [siehe auch hier]

Jedes TS-Boot war mit einer Kurzwellenstation und einer UKW-Station vom Typ „Akazie“ ausgerüstet. Gruppenboote waren mit 2 UKW-Stationen ausgerüstet.
Die ersten 14 Boote der DDR hatten eine Funkmeßstation (Radar) vom Typ „Sarnitza“. Bei den nachfolgenden Booten wurde die Anlage „Reja“ verwendet. Die ersten Boote wurden während der Slipzeit 1962/63 auch auf diese Anlage umgerüstet.
Das Boot 843 (Bau-Nr. 183/11) behielt aber die alte Station Typ „Sarnitza“. Grund: mit ihr konnte man tieffliegende Luftziele in 400 bis 600 m Höhe orten. Bei der neuen Anlage „Reja“ war dies aber nur bis zu einer Höhe von 150 m möglich. Dafür hatte sie gegen Seeziele eine feinere Nah- und Fernauflösung als die alte Anlage. Die 843 erhielt außerdem eine zusätzliche UKW-Station vom Typ „Akazie“, damit konnte von einem Flugleitoffizier die Luftunterstützung geführt werde.[Bild]

Die Boote 183/15-183/27 waren bei der Übernahme/ VM-Indienststellung bereits mit der FFK „Nichrom“ ausgerüstet, d.h., mit der Abfrageantenne 1-SsK und der Antwortantenne 1-ON [Bild].
Bei den zuvor gelieferten Booten war nur anstelle der 1-ON eine der „Rym“ täuschend ähnliche Antenne installiert [Bild]. Es wird davon ausgegangen, daß es sich hier um eine frühe Variante der FFK-Abfrageantenne handelt. Diese Boote wurden dann 1962/63 entsprechend nachgerüstet, offensichtlich im Zusammenhang mit der Umstellung auf „Reja“-Radar.

Bei einigen Booten wurde hinter dem Pfahlmast eine Art zweigliedrige Antenne angebracht. Diese war nur zeitweilig an Bord. Frage: für welches Gerät wurde diese benötigt und warum war sie nur kurzzeitig an Bord? [Bild]

Den TS-Booten wurden ab 1959 bis 1962 Wohnschiffe zugeteilt. Damit verbesserten sich die Lebensbedingungen ein wenig. Die Boote waren in vielen Häfen beheimatet. Neben den Hauptbasierungshäfen Stralsund-Dänholm, Parow und Bug/Dranske gab es viele Manöverstützpunkte: Gager, Barhöft, Darßer Ort, Lauterbach, Saßnitz, Peenemünde-Nord, Warnemünde und Rostock-Gehlsdorf sowie auch die polnischen Häfen Ustka, Hel und Kolobrzeg.

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Am 30.08.1968 kollidierte im dichten Nebel das TS-Boot 183/6 „Willi Bänsch“ mit dem schwedischen Fährschiff „Drottning“ und sank sofort. Sieben Besatzungsmitglieder fanden den Tod. Eine Gedenktafel auf dem Friedhof Dranske und später auch in der Ehrenhalle des Marineehrenmales Laboe erinnern daran.

Verbleib
Die Torpedoschnellboote gingen ab 1967 außer Dienst. Einige wurden noch für andere Aufgaben verwendet: Schulboot, schnelles Rettungsboot, Versuchsboot, Grenzboot und Zielboot. Die meisten wurden bald nach a.D.-Stellung abgebrochen.
Suche Berichte, Fotos oder andere Informationen zu den Varianten „schnelles Rettungsboot, Versuchsboot, Grenzboot und Zielboot“.

Grenzsicherungsfahrzeug
Drei Boote wurden auf der Peenewerft Wolgast zu Grenzsicherungsbooten umgebaut. Der offene Fahrstand wurde nach vorn, seitlich und oben geschlossen. Auf das Dach kam ein Hochleistungsscheinwerfer. Die Torpedorohre wurden demontiert, ersatzweise Gewichte im Boot verstaut. Auch die Kippmulden zum Werfen von Wasserbomben und die Nebelanlage am Heck gingen von Bord. Auf dem Vorschiff wurde ein Schlauchboot gelagert und an Steuerbord und Backbord je eine Rettungsinsel angeordnet.
Die Lebensbedingungen an Bord wurden verbesserten sich. Im „Wohnbereich“, dem 8-Mann Deck, wurde die Außenhaut von innen verkleidet. Es gab feste Kojen, die mit einem Vorhang versehen waren. Bei zusätzlichen Besatzungsmitgliedern konnten Hängematten gezurrt werden. Ausgerüstet wurde das Deck mit einem Kofferfernseher aus Staßfurt Typ „K 67“ und einem Radio Typ „Konstant“.
Die Besatzung bestand aus 10 Mann (Kommandant, LI, Bootsmann, Funkmaat, Funkmeßgast, Signalgast, zwei Artilleriegasten und zwei Motorgasten).
Die Funkausrüstung bestand aus der KW-Anlage R 607 und der UKW-Anlage R 609.
Der Hafen Hohe Düne / Warnemünde war ihr Stützpunkt.

Schnelles Rettungsboot
Diese zwei Boote wurden ebenfalls auf der Peenewerft Wolgast umgebaut. Es wurden die Torpedorohre und die Artillerie entfernt. Das Boot erhielt einen neuen Mast und eine geschlossene Brücke. Der Innenraum wurde zur Aufnahme der Geretteten entsprechend eingerichtet. Die Besatzung des schnellen Rettungsbootes sollte retten und die Erstversorgung an der Geschädigten vornehmen. Die Geborgenen sollten dann später an die Rettungsschiffe übergeben werden.

Zielboot
Drei Boote wurden zu Funkmeß-Zielbooten in der Peenewerft Wolgast umgebaut. Die gesamte Bewaffnung wurde abgebaut, die Brücke wurde geschlossen. Der Pfahlmast und der Funkmeßmast wurden entfernt, dafür wurde ein großer Gittermast mit Radarreflektoren aufgebaut. Ein Navigationsradar wurde auf der Back angebracht.

Versuchsboot
Ein Boot wurde Erprobungsboot im WTZ Wolgast. Es diente u.a. als Schnellschlepper für das Seezielschießen.

Export
Drei Boote wurden in der Peenewerft Wolgast zu Küstenschutzbooten für den Export nach Sansibar umgebaut. Sie erhielten eine geschlossene Brücke, und die Torpedorohre kamen von Bord. Zusätzlich wurden sie mit zwei 12,7 mm MG ausgerüstet. Das erste Boot wurde 1968 und die anderen zwei im November 1969 nach Sansibar, einem autonomen Teil von Tansania, verkauft. Die Schulung der neuen Besatzung erfolgte vom Oktober 1967 bis November 1968 in Parow. Für eine Zeit gingen auch Ausbilder zur Unterstützung mit nach Sansibar.

Filmstars
Drei Boote wurden auch Filmstars. Sie erhielten das Aussehen von deutschen Schnellbooten des Typs „S 39“ aus dem zweiten Weltkrieg bzw. als „Agentenboot“ und traten im Film „Rottenknechte“ auf. Einige Zeit wurde auch im Parower Hafen für den Film gedreht.

„Nachnutzung“
Nach der Außerdienststellung der ersten 183er versuchte die damalige Fischerei-Produktionsgenossenschaft Dranske, in den wasserdichten Abteilungen von zweien dieser Bootskörper Forellen zu mästen.
Noch heute liegen einige Bootskörper der 183er noch als Schutz vor Versandung des Fischereihafens Dranske im Wasser. 13 Boote sollen da liegen, darunter die 183/7. Nach anderen Quellen 5 bis 7 Rümpfe und verschiedene ehemalige Fischkutter.
Auch am/im Hafen von Wiek soll mindestens ein Boot als Wellenbrecher versenkt worden sein [siehe hier]


 

 Projekt 183 in Detail

 

Technische Daten:
Verdrängung:  normal: 63,0 t; voll:68,5 t
Länge über alles:  25,40 m
Breite über alles:  6,18 m
Höhe über Kiel:  8,50 m
Tiefgang:  vorn: 1,07m; hinten: 1,68 m
Bootshöhe:  8,50 m / 5,20 m
Hauptmaschine:  vier Dieselmotoren M50 F3, Gesamtleistung: 3530 KW
Hilfsdiesel:  1x 4Tsch, 1x 2Tsch 
Bordnetz:  GS 110 V, und ein 24 V GS Netz
Geschwindigkeit max.:  43 kn
Fahrstrecke:  988 sm bei 14,5 kn
 520 sm bei 38,5 kn
Ausrüstung:  Ruderanlage „Subatka“
 Kreiselanlage „Giria-M“
 Torpedozielgerät KLN-1
 FFK-Anlage „Nichrom“
Funkanlage:  1x UKW-Anlage Typ „Akazie“, bei Gruppenboote zwei
 1x KW-Anlage
Bewaffnung:  2x 25 mm-Zwilling 2M3, Kampfsatz: 500 Schuß pro Rohr [Bild]
   2x 533 mm Torpedorohre
   2x4 Wasserbomben-Einzellager für WB B-1 [Bild]
   Minen möglich,
 z.B.: sechs vom Typ KB-3 oder acht vom Typ KMD-2-500
   Nebelanlage DA-7 und 2x2 Einzellager für Nebelbojen [Bild]
Besatzung:  15 Mann ( 2 Offiziere, 2 Unteroffiziere, 11 Matrosen)*
   
 
*Besatzung:
Offiziere:
Kommandant
Kommandeur GA-V (LI)
   Matrosen:
Steuermannsgast
1.Artilleriegast
2.Artilleriegast
1.Torpedogast
2.Torpedogast
Funkgast
Funkmeßgast
1.Motorgast
2.Motorgast
3.Motorgast
Elektrikergast
    
Unteroffiziere:
Oberbootsmann
Motormeister (LM)
  
     
Änderung bei Gruppenbooten:
zeitweilig zusätzlich ein Gehilfe des Kommandanten (Offizier)
anstatt 1.Artilleriegast ein Artilleriemaat
anstatt 1.Torpedogast ein Torpedomaat
anstatt Funkgast ein Funkmaat
   

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Herzlichen Dank für die zu Verfügung gestellten Fotos von Berndt Borrmann, Jürgen Gahlert, H.-J. Hiller, Bernd Loose, Horst Maiwald (Horma) †, und Dietmar Pirle.

© 2011 - 2015 Peter Kieschnick

 

Hier eine Chronologie des Projekts 183. Erarbeitet durch Helbe und Horma (Horst Maiwald, [Horma] †2014) . Meinungen, Anregungen, Korrekturen, Fragen usw. sind zu der Liste erwünscht! E-Mail: webmaster@parow-info.de
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