Vermessungs- und Aufklärungsschiff HYDROGRAPH

In der Schiffsbestandsliste der Volksmarine als Projekt 401 geführt. 

Das Schiff war ein Mitteltrawler vom Typ „Okean“. Von diesem Typ wurde auf der Volkswerft Stralsund von 1957 bis 1961eine Serie von 170 Schiffen für die Fischereiflotte der UdSSR gebaut. Ein 171. Schiff, nach den Vorgaben der Volksmarine der DDR für den Einsatz als Vermessungs- und Aufklärungsschiff modifiziert, schloss als HYDROGRAPH die Serie ab. 15 Schiffe dieses Typs wurden auch in der UdSSR zu Aufklärungsschiffen umgebaut.

Der Schiffskörper war vollständig geschweißt. Das Deck war mit Holzplanken belegt, die Aufbauten bestanden aus Leitmetall.
Die HYDROGRAPH wurde auf der Volkswerft unter der Bau-Nr. 9171 gefertigt. Der Baubeginn erfolgte am 08.09.1960, Stapellauf war am 14.12.1960.

Am 31. Januar 1961 wurde das Schiff zum Umbau und zur Endausrüstung an die Peenewerft Wolgast übergeben und befand sich in den letzten Monaten des Jahres zur Übernahme und zum Einweisen der Marinebesatzung wieder in der Volkswerft Stralsund.
In Dienst gestellt wurde das Schiff am 28.11.1961 als Vermessungsschiff für den Seehydrografischen Dienst der DDR (SHD).

Zu diesem Datum äußert sich Bernd Loose, seinerzeit Steuermannsgast in der Indienststellungsbesatzung des Schiffes, wie folgt:
“… der 28.11.1961 war vermutlich administrativ als Indienststellungsdatum festgelegt worden und wird wohl deshalb auch so in der Literatur kolportiert, aber de facto passierte an diesem Tag nichts in dieser Richtung. Wir lagen am 28.11. nach einigen Einweisungsturns mit der Werftbesatzung wieder an der Pier in der Volkswerft Stralsund, hatten auch die letzten Vorbereitungsarbeiten erledigt und übten uns jetzt vor allem im Reinschiff. Grund: ein Blackout in der Elektrik hatte auf dem vorangegangenen Turn einen Ruderversager zur Folge gehabt und das Schiff fast auf Dreck gesetzt, hätte nicht die erfahrene Werftbesatzung das mit einer Notschaltung verhindern können. Aber der Fehler musste natürlich gefunden und dauerhaft abgestellt werden, was einschließlich der notwendigen Kontrollläufe aller Systeme einige Tage kostete. Erst am 08.12. konnten wir Stralsund ade sagen und nach dem Kompensieren um Arkona herum nach Warnemünde marschieren, wo wir am 09.12.1961 gegen 0900 Uhr einliefen. Da war allerdings nichts mit großem Bahnhof, Indienststellungszeremonie und „Heiß Flagge“ oder so etwas; es kamen lediglich der Chef der 4. Flottille und sein Gefolge an Bord, inspizierten kurz die Gefechtsstationen und führten „small talk“ mit der Besatzung – das wars. Ab diesem Tag ging es dann aber rund mit den eigentlichen Aufgaben. Nimmt man also das Indienststellungsdatum wörtlich als Tag des Dienstbeginns in der Flotte, müsste das der 09.12.1961 sein.

Das Schiff führte die Schornsteinmarke des SHD bis ca. 1977. Die Aufbauten waren weiß der Rumpf kampfschiffgrau. Der Name wurde an Bug und Heck geführt. Es erhielt äußerlich keine Bord-Nr..

Die Unterstellungsverhältnisse des Schiffes waren in den ersten Dienstjahren etwas verwirrend: verwaltungstechnisch/truppendienstlich gehörte es zur 1. Flottille (Tarnewitz), basiert war es bei der 4. Flottille (Hohe Düne), nach der Schornsteinmarke hätte man es im Bestand des SHD vermutet (mit dem es praktisch gar nichts zu tun hatte), aber tatsächlich war es dem Kommando der Volksmarine direkt unterstellt und erhielt von dort seine Einsatzbefehle und die je nach Aufgabe hinzukommandierten Technikspezialisten.
Ab 19.09.1972 wurde es der neugebildeten 4. Vermessungsschiffabteilung (4.VSA) zugeteilt. Die 4.VSA unterstand der 4.Flottille. Aber auch sie erhielt ihre Einsatzbefehle direkt vom Kommando der Volksmarine.

Aufgabe:
Das Schiff diente zur optischen, funktechnischen und elektronischen Aufklärung. Schwerpunkt war die Funkaufklärung im UKW-Bereich (ca. 20 MHz bis 1 GHz). Es wurde in erster Linie Aufklärung in den Gewässern der Ostsee-Zugänge betrieben. Hauptzielrichtung waren dabei die Bundesmarine und die Dänische Marine. Fahrten in die Nordsee bis vor Helgoland und den Kanal wurden auch durchgeführt.
Im Vorpostendienst nahmen die Vermessungsschiffe Positionen von Fehmarn bis ins Kattegat ein. (siehe auch hier)
Das Schiff nahm an allen See-Manövern der Volksmarine und an den meisten des Warschauer Vertrags teil.

Das Schiff hatte eine erweiterte elekronautische Ausrüstung sowie eine spezielle Ausrüstung zur funk- und funktechnischen Überwachung. Das Schiff wurde mehrmals modernisiert. So wurde später auch eine Kuppel auf dem Peildeck montiert (ca. 1972).

Technische Ausrüstung (Stand 1977):
Navigationsanlagen: Sichtfunkpeiler FGS 340b, Funknavigationsgerät DECCA „Mark 12“, Kreiselkompassanlage „Kurs 3“, 3x Reflexionskompasse, Infrarot-Anlage Chmel 3
Nachrichtentechnik: KW-Sender SS 1000 [Text], Kurzwellenanlage R-617 [Bild], UKW-Anlage R-619 [Bild], UKW-Funksprechgerät UFT 35, Morsegeber MGS 165 [Text], 2x Funkempfänger R-250M [Bild], 4x UKW-Empfänger R-313M2 [Text], UKW-Funküberwachungsempfänger R-375B [Text], 2x Einseitenband-Kurzwellen-Verkehrsempfänger EKV 13, Fernschreibmaschine T 63 SU 13 [Bild], Faksimileapparat FAK-P [Text], Kurzwellen-Antennenverstärker SzAE 62 (Bild), Sprachchiffriergerät R 754 „Sirena“ [Text], Senderprüfer T-54/5, 5x Tonbandgerät Tesla B70
Radar: TSR 222, TSR 333 [Text]
Freund-Feind-Kennanlage: „Chrom K“ [Bild]
weitere Technik: FTM 70/10, PEL 3, HAG 311W13, 3x 11096

Raumaufteilung
Bis zur ersten größeren aufklärungstechnischen Nachrüstung und den damit einhergehenden Umbaumaßnahmen zur Unterbringung des größeren Personalbestandes präsentierte sich HYDROGRAPH weitgehend ähnlich zur Grundkonzeption „Fischtrawler“, nur dass der dort übliche Fischraum durch einen leeren Laderaum ersetzt war (Bernd Loose: “ … da ließ sich gut Tischtennis spielen…“) und Fischgalgen und Kurrwinde fehlten. Die gesamte Besatzung wohnte im Aufbautenkomplex, und im Vorschiff unter der Back befanden sich nur die üblichen Bootsmanns-, Farben-, Lampenlasten usw.
Später änderte sich die Raumaufteilung für den größten Dienstzeitraum durch Umbauten wie folgt:

Vorschiff: 2x 4 Mann- und 2x 2 Mann-Kammern für Mannschaften, Waschraum, Vermessungsraum, Arbeitsplatz für Schweigefunker
Hauptdeck: 2x 2 Mann-Kammern für Mannschaften des Maschinenabschnittes, Kreisel, Kammern der Offiziere und Unteroffiziere, Arbeitsräume des Funkdienst 18 (FD 18), Kombüse, Messe

 

           

Verbleib:
Die Außerdienststellung erfolgte am 27.05.1983. Die Aufklärungstechnik wurde ausgebaut.
Das Schiff diente danach als Wohnschiff und weiterhin an der VSA-Pier der 4.Flottille. Als ständige Besatzung waren ein Obermaat mit zwei Stabsmatrosen an Bord. In der zweiten Jahreshälfte 1984 wurde das Wohnschiff zur Bunkerpier verholt, um die restlichen Bestände abzubunkern. Dabei kam es zu einem Brand in einer bewohnten Kammer, ein technischer Defekt wurde später vermutet. Die ex. HYDROGRAPH brannte auf dem Breitling aus.
Die Reste des Schiffes wurde im MAB Rostock verschrottet.

Taktisch-technische Daten:
Verdrängung: Standard: 480 t, Normal: 680 t, voll: 780 t
Länge über alles: 50,82 m
Breite über alles:   8,88 m
Tiefgang:   3,53 m
Seitenhöhe:   4,30 m
Größte Höhe:  über Wasserlinie 16,0 m
Antrieb: 1x Dieselmotor 8 NVD 48u; 397 kW (540 PS) Leistung
  KaMeWa-Verstellpropeller
Hilfsmaschine: 2x 4 NVD 24; 73,5 kW Leistung
  1x 2 NVD 18; 20,7 kW Leistung
Anlagen: Dampfkesselanlage „SHKL 104“
Geschwindigkeit: max.: 11 kn, marsch: 9 kn
Fahrstrecke: 9500 sm bei 9 kn
Fahrgebiet: „unbegrenzte Fahrt“
Einsatz: bis Wind: 12, bis See 8
  bei Scholleneis bis 30 cm, bei Festeis bis 20 cm
Autonomie: 30 Tage
Vorräte: Verpflegung für 40 Tage, 29 t Frischwasser,
  24t Kesselspeisewasser, 128 t Dieselkraftstoff, 3,57 t Öl
Bewaffnung: Handfeuerwaffen: 10 MPi Typ KmS, 5 Pistolen Typ M, 2 Signalpistolen
  Sprengmittel: 5 Sprengpatrone 3, 2 Sprengpatrone 4
Sonstige Ausrüstung: 2 Doriboote (wie auf den Fischtrawlern) als Rettungsmittel,
später von Bord genommen und durch Rettungsinseln ersetzt
  2 Scheinwerfer (nachträglich zugerüstet)
Besatzung: 26 Mann (4 Offiziere, 1 Fähnrich, 3 Meister, 3 Maate und 15 Mannschaften) [im Detail]
  Dazu kamen bei Aufklärungsfahrten Personal des Funkdienst 18 und der Militärabwehr an Bord.

 

© 2018 Bernd Loose, Peter Kieschnick