Aufklärungsschiff JASMUND

(Stand: 20.09.2021 - Text eingefügt)

Anfang der 80er Jahre wurden für die Volksmarine auf der Neptun Werft Rostock sechs Hochseeversorger des Projekts 602 (Darss-Klasse) gebaut. Als siebtes Schiff dieser Baureihe wurde das Aufklärungsschiff „Jasmund“ gebaut (Werft-Bau-Nr. 1425, Projekt-Nr. 602.137).
Baubeginn war Mai 1983 als Versorger, der Stapellauf war am 27. August 1983. Während der Bauphase wurde, auf Anforderung der Volksmarine, in schnellster Zeit ein Umrüstungsprojekt als Aufklärer durch die Werft entwickelt und dann entsprechend gebaut.
Das Schiff ist in Querspantenbauweise mit Back und Poop errichtet. Neben verlängertem Decksaufbau (Hauptdeck) bekam es an Stelle des Bordkranes einen Mast für Antennentechnik.
Die „Jasmund“ war mit einem Heckanker ausgerüstet. Dieser wurde vor allen dazu eingesetzt, um die Lage des Schiffs vor Anker, im Interesse der Richtfunkaufklärung, zu stabilisieren (schwoien vermeiden).

Nach der schiffbaulichen Fertigstellung in der Neptun Werft verlegte die „Jasmund“ an die Peenewerft Wolgast. Hier erfolgte der Einbau der militärischen, vor allem funktechnischen Komponenten. Das betraf die Antennenanlagen und Betriebsräume für die Funkaufklärer des Funkdienstes-18 (FD 18) und der Fernmeldeaufklärung des MfS HA III/ Abt.6 (Hauptabteilung III - Funkaufklärung und Funkabwehr). Die Auffälligste Neuerung war das Aufstellen eines Radoms

Am 15. Mai 1985 wurde die „Jasmund“ in Dienst gestellt und im Stützpunkt der 4. Flottille in Warnemünde/Hohe Düne stationiert. Ab Februar 1985 wurde das Schiff als „Kleines Aufklärungsschiff“ klassifiziert.

Aufgabe
Das Schiff diente zur optischen, funktechnischen und elektronischen Aufklärung.
Es war der Ersatzbau für die 1983 außer Dienst gestellte „Hydrograph“ und kam in allen, für die Aufklärung der NVA interessanten, Seegebieten zum Einsatz. Neben der Kieler Bucht betraf es die Sund- und Beltzone, das Kattegat und die östliche Nordsee, bis in die deutsche Bucht.

Schwerpunkt war die funkelektronische Aufklärung im 10 kHz bis 1000 MHz Bereich. Weiterhin die Aufklärung der funkelektronischen Mittel des Gegners in den Frequenzen 300 MHz bis 18 GHz sowie die hydroakustische Aufklärung.
Zur Abdeckung des aufzuklärenden Frequenzspektrums waren dazu an den beiden Masten verschiedene Antennenarten angebracht sowie unter dem großen Radom am Heck verschiedene Parabol- und Dipolantennen installiert.

Im beschränkten Maße gab es die Möglichkeit zur Versorgung von Schiffen mit Treibstoff, Trinkwasser und Proviant auf hoher See. Dazu gab es in der Ladeluke Staumöglichkeit für 4 bis 5 20-Zoll-ISO-Container und auf der Luke für weitere 3 bis 4 20-Zoll-ISO-Container. Stellplätze auch für zusätzliche Elektronik-Container mit Kraftstromanschluss waren vorbereitet.

Nach Oben

Umrüstung / Modernisierung
Es gab zwei grundlegende Modernisierung: Ende 1987 durch die Neptun Rostock und 1988/1989 durch die Peene-Werft Wolgast.

Aufklärungs- und Nachrichtenausrüstung
Die Aufklärungstechnik im Radom wurde mehrfach durch die Hauptabteilung III des MfS angepasst. 
Die letzte Modernisierung verzögerte sich bzw. musste umgeplant werden, da es Lieferschwierigkeiten und Stornierungen zugesagter Komponenten durch die UdSSR gab. Die geplante See- und Luftraumbeobachtungsanlage Positiv Ä sowjetischer Produktion wurde durch die polnische NUR 25 ersetzt und ein Satellitennavigationssystem gestrichen.
Durch die Installation der kombinierten See- und Luftraumbeobachtungsanlage NUR 25 musste der Mast auf dem Peildeck durch einen Gittermast ersetzt werden.
Im Oktober 1989, mit zwei Jahren Verzug, war die letzte Umrüstung abgeschlossen.

Vor den ersten Aufklärungseinsätzen wurde das Schiff einer gründlichen Inspektion durch technische Spezialisten des MfS unterzogen. Eine Aufgabe dieser Einheit war es z.B., die nachrichtendienstliche Sicherheit der DDR-Botschaften zu gewährleisten (Wanzenuntersuchungen). Es wurde das gesamte Schiff auf Funkabstrahlung untersucht. Die Kuppel wurde, von See aus, mit Infrarot abgefilmt um festzustellen, ob irgendwelche Inhalte erkennbar wären. Die MfS-Einheit kam aus dem Dienstobjekt Hohen Luckow. Dort steht bis heute eine Originalkopie des Radoms, mit dem vorher alles getestet wurde.

Bewaffnung
Grundsätzlich war nur eine Bewaffnung im Mobilisierungsfall vorgesehen.

Die Ursprüngliche vorgesehen Bewaffnung als Versoger mit drei 25 mm Doppellafetten zu bestücken wurde durch die Aufstellung eines Radoms verändert. Es entfielen die beiden Geschütze hinter dem Schornstein auf dem Brückendeck aufgrund der dadurch entstandenen Schußfeldbegrenzungen. Es verblieb ein 25 mm Geschütz auf der Back. Dieses wurde regelmäßig zum Schießen an Bord montiert und danach demontiert.

Nach der letzten Modernisierung sollte die vorgesehene Mobilmachungsbewaffnung wie folgt verändert werden:
Auf der Back war nun eine 23 mm Bordflak ZU 23/2 vorgesehen. Ergänzt wurde dies durch zwei Starter für Flugabwehrraketen Strela-2M (weitere Daten: hier) und zwei Geschoßwerfer PK-16 (weitere Daten: hier). Letzteres war für die Erzeugung von Radarscheinzielen gegen gelenkte Raketen mit Zielsuchlenksystemen sowie Radarortungs- und -beobachtungsmitteln vorgesehen.
Die Startanlagen sollten beidseitig auf dem hinteren Brückendeck eingerichtet werden. Dieses Vorhaben wurde aufgrund der politischen Ereignisse gestrichen. Die dafür vorgesehenen Strom- und Datenanschlüsse waren bereits installiert worden. Die geplante Aufrüstung mit Luftabwehrmitteln wurde also nicht realisiert.

Antrieb
Um die Ausfallsicherheit der Antriebsanlage (nur eine Hauptmaschine) zu erhöhen, wurde ein zusätzlicher dieselelektrischer Antrieb eingebaut. Dieser konnte dem Schiff eine Geschwindigkeit von 6 kn verleihen.

Hintergrund:
Der große Schwachpunkt der „Darss-Klasse“ war ihre Auslegung als Einschraubenschiff mit nur einer Hauptmaschine. Zwei Vorfälle auf See begründeten die Notwendigkeit des Einbaus eines zusätzlichen dieselelektrischen Antriebs.
Der erste Fall betraf den Hochseeversorger „Kühlung“. Das Schiff blieb 1986 im Seegebiet südlich der Färör-Inseln nach Ausfall der Hauptmaschine manövrierunfähig liegen. Es wurde durch den sowjetischen Schlepper SB-921 nach Warnemünde abgeschleppt. (Quelle: Typenkompass; Knut Schäfer „DDR-Volksmarine“ Hilfsschiffe 1949-1990).
Der zweite Fall betraf die „Jasmund“ selbst. Die „Jasmund“ geriet nordwestlich Skagen in schwere See. Um Mitternacht fiel die Hauptmaschine aus. Ein ankern war auf Grund der großen Wassertiefe nicht möglich und das Schiff trieb auf die Nordspitze Jütlands zu. Ursache für den Maschinenausfall war, dass sich im Tagesausgleichsbehälter für den Dieselkraftstoff Farbe gelöst und die Ventile verstopft hatte. Das Maschinen-Personal (GA-V) konnte das Problem rechtzeitig klären und so eine Katastrophe verhindern. Nach der Fahrt wurde dieser Vorfall gründlich untersucht und die Schuld eindeutig der Werft zugeordnet. Die Farbe war nicht vollständig ausgehärtet gewesen.

Nach Oben

Raumaufteilung

       

Operativ-technischen Diensträume waren im Aufbau unter dem Radom und im hermetisierten Zwischendeck.
In fünf Betriebsräumen sowie noch zwei achtern abgesetzten Containern konnte an insgesamt sechs Erfassungsplätzen die Funkaufklärung im KW- und UKW-Bereich sowie Richtfunkaufklärung im jeweils befohlenen Seegebiet betrieben werden.
Unter dem Radom befand sich ein weiterer Betriebsraum mit zwei Erfassungsplätzen für das Aufklärungspersonal des MfS (HA III/ Abt.6).

Nach Oben

Technische Ausrüstung
Das Schiff hatte eine erweiterte elekronautische Ausrüstung sowie eine spezielle Ausrüstung zur funk- und funktechnischen Überwachung. 

Navigationsanlagen: Decca, Kartenplottanlage
Nachrichtentechnik: 1000W-Sender KN1E, nach Modernisierung durch einen 1000W-Sender R-654NR [Bild] ersetzt, Sende- und Empfangsanlage SEG 100 [Bild] mit Antennen-Anpassgerät für 10m-Stabantenne, Portable Sende- und Empfangsanlage SEG 15 (Rettungsbootausrüstung), Allwellenempfänger EKD 300 [Bild], Funkfernschreiber FF 1300, Morsegeber MG 80 [Bild], UKW-Anlage R-619 [Bild], Schnelltelegrafiesystem (UdSSR).
Chiffriertechnik: Fernsprechchiffriergerät T-617 „ELBRUS-K“, Fernsprechchiffriergerät T-612 „MIMOSA“, Fernschreib- und Datenchiffriergerät T-206 3MN „WESNA-3“,
Erfassungsplätze: Über die Technik der Erfassungsplätze können leider keine Angaben gemacht werden. Wer kann da helfen?
Radar: 2x TSR 333,
ab 1989: 1x TSR 333 [Bild] und 1x SRN-702 (VR Polen), See- und Luftraumbeobachtungsanlage NUR 25 (VR Polen)
Freund-Feind-Kennanlage: Antwortanlage „Chrom-K“
weitere Technik: Thermodrucker für Wetterkarten und internationalen Pressedienst, Infrarot-Laseraufklärung, Störstation, Radar-Warnempfänger,
Fotografische Ausrüstung: Technik für Foto- und Videodokumentation
  Das Schiff war mit zwei ferngesteuerten Mastkameras TFK 500 mit Schwenk- und Neigekopf [Bild] ausgerüstet, die von einem Sonderfunkraum (Hauptabteilung III MfS) gesteuert wurden. Damit haben die Funkaufklärer bei Begegnungen mit NATO-Verbänden Videoaufzeichnungen vorgenommen. Auf der Brücke war ein Monitor aufgestellt, auf dem die Kamerabilder (durchgeschleiftes Videosignal) zusätzlich beobachtet werden konnten. Die Kameras wurden üblicherweise in Sicherungsanlagen von Objekten eingesetzt. Die Kameras befanden sich in wasserdichten Gehäusen. Eine interne Heizung verhinderte das Beschlagen der Scheiben. Für die Aufzeichnung wurden VHS-Videorecorder der Fa. Panasonic eingesetzt.

 

Nach Oben

Taktisch-technische Daten:
Verdrängung:  2292 t
Länge über alles:  76,52 m 
Breite über alles:  12,39 m 
Tiefgang:    4,15 m 
Seitenhöhe:    6,80 m 
Antrieb:  1x Dieselmotor D 40; 1470 kW (2000 PS) Leistung 
   Vierflügliger Verstellpropeller  
Hilfsmaschine:  4x 6 VD 18/15, je 147 kW Leistung 
   1 Generator 380 V Wechselstrom für Elektronikversorgung
 ab 1989/90 ein elektrischer Hilfsantrieb für Schleichfahrt bis 6 kn 
Anlagen:  Hilfsdampfkessel DGS 0,4 
Geschwindigkeit:  max.: 13,72 kn 
Fahrstrecke:  5000 sm 
Einsatz:  bis Wind: 12, bis See 9 
Bewaffnung
Mobilmachung:
 1x 25mm- Doppellafette 2-M-3 
nach Modernisierung geplant: 1x 23 mm Bordflak ZU 23/2, 2x Vierfachstarter FAM 14 für Flugabwehrraketen Strela-2M, 2x Geschoßwerfer PK-16
Besatzung:  34 Mann [im Detail]
   Dazu kamen bei Aufklärungsfahrten Personal des Funkdienst 18 und der Militärabwehr an Bord. (ca. 37 Personen) 

Verbleib:
Am 26. Januar 1990 verfügte Verteidigungsminister Vizeadmiral Theodor Hoffmann, dass alle Soldaten, die im dritten Dienstjahr standen, sofort die Truppe verlassen können. Das hatte zur Folge, dass die „Jasmund“, wie viele andere Schiffe der Volksmarine auch, personell unklar gemeldet werden musste.
Ab Mitte 1990 wurde befohlen, dass keine Aufklärung mehr stattfinden sollte und die Vorposten nicht mehr besetzt wurden. Das Schiff ist am 2. Oktober 1990 außer Dienst gestellt worden. Zuvor wurde bestimmte Aufklärungstechnik ausgebaut.

Die „Jasmund“ wurde nicht von der Bundesmarine übernommen. Als Auflieger zuerst in Warnemünde-Hohe Düne und Kröslin, zuletzt in Olpenitz. Im November 1992 wurde sie an der Rolandwerft Bremen fahrbereit gemacht.

Am 6. Dezember 1992 wurde das Schiff offiziell von Spanien übernommen. In Puerto de la Luz auf den Kanarischen Inseln erfolgte ein Umbau. Die große Antenne und das Radom wurden demontiert und eine SATURN 3S Satelliten- Kommunikationsanlage installiert. 1993 wurde das Aufklärungsschiff „Alerta“ (HUL-Nr. A 111) in Dienst gestellt. Heimathafen ist Cartagena.

Nach Oben

Episoden
von Wolfgang Lindemann

Hoher Besuch
Im Juli 1986 befand sich der Chef der Volksmarine, Admiral Ehm, mit Vertretern der Verwaltung Aufklärung und des Kommandos der Volksmarine für drei Tage an Bord der „Jasmund“. Unter Regie des Chefs der Aufklärung der VM, KzS Krause, wurden die Einsatzmöglichkeiten des Schiffes demonstriert. Die Verwaltung Aufklärung wurde durch den Chef des Bereichs „Operativ-taktische Aufklärung“, Generalmajor Rother, repräsentiert.
Die Fahrt führte von Warnemünde durch den Sund, südliches Kattegat und Großen Belt zurück nach Warnemünde. Im südlichen Kattegat gab es ein Treffen mit einigen Schiffen der 4.Flottille, die in Paradeaufstellung den Chef der Volksmarine begrüßten.
Die Besatzung des Schiffs erfüllte alle Aufgaben zur vollsten Zufriedenheit. Admiral Ehm bedankte sich mit einem Anerkennungsschreiben.

 

Eispanzer
Bei einer Aufklärungsfahrt im Januar 1987, die in die östliche Nordsee führte, hatte die Besatzung mit extremen Witterungsverhältnissen zu kämpfen. Temperaturen im zweistelligen Minusbereich und raue See vereisten das Schiff so stark, dass Stabilitätsprobleme zu befürchten waren. Dem Kommandanten blieb keine Wahl. Alles verfügbare Personal (Freiwächter, wachfreie Besatzung) wurden zum Eisklopfen eingesetzt. Mit Feuerwehrbeilen und- äxten, Stangen, Hämmern und sonstigen „Schlagwerkzeugen“ ging man dem Eispanzer zu Leibe. Letztendlich konnte so die Gefahr vom Schiff abgewendet werden.

 

Nach Oben

© 2021 Peter Kieschnick, Wolfgang Lindemann